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erarbeiten Sie ein klares Bild des Wertes, den Ihr Dienstleistungspaket im Ecosystem Ihres Kunden schafft

»Am letzten Tag dieses Blocks legen wir noch eine Extrarunde ein und untersuchen das Ecosystem unseres optimalen Kunden. Denn eines liegt auf der Hand, je besser ihr die Prozesse eures Kunden kennt, je genauer ihr darüber Bescheid wisst, wo die wertschöpfenden Prozesse beim Kunden liegen, vor allem auch jene, die sich nicht direkt in Geld ausdrücken lassen, desto einfacher wird eure Kommunikation mit dem Kunden ausfallen.«

»Aber haben wir uns damit nicht schon ausreichend bei der Erstellung unseres optimalen Kundenbildes beschäftigt?« fragte Mira.

»Ich denke nicht. Unser optimales Kundenbild ist stark motiviert von unseren vergangenen Erfahrungen mit Menschen. Zwar haben wir über die Fragestellungen zu unserer Zielgruppe und dem Marktsegment schon eine gewisse Einbettung vorgenommen. Diese basierte jedoch auf rein demographischen und psychographischen Fakten, die vor allem eines nicht berücksichtigen: Alles ist vernetzt. Alles hängt irgendwie miteinander zusammen. Einflüsse auf der einen Seite können starke Auswirkungen auf einer anderen Seite haben, auch da, wo wir sie anfangs gar nicht vermuten würden.

Heute geht es darum, den Blick auf das Unsichtbare zu lenken und das Unbeachtete sichtbar zu machen und wertzuschätzen. Die relevante Fähigkeit, die ich heute versuche in euch zu fördern, ist die Fähigkeit, neue Muster und Bahnen im Geschäftsleben zu sehen, eine systemische Sichtweise einzunehmen, die Dynamik in den Verhältnissen wahrzunehmen. Ich will, dass ihr eure Umgebung von einem lebendigen, organischeren Gesichtspunkt aus betrachtet und die mechanistische Sichtweise ein wenig in den Hintergrund stellt.

Organisationen benötigen dringend mehr systemisches Denken. Im großen wird dieses Denken ja bereits über die Corporate Social Responsibility1 eingefordert. Jeder, der von euch in Unternehmen arbeitet, weiß, dass es damit in der Realität da draußen nicht weit her ist. Eine Menge Leute bestätigen mir diese Gedankengänge. Aber schaut euch doch die Leute da draußen an. In Wirklichkeit fehlen ihnen die Grundlagen dazu. Kaum jemand hat die passenden Werkzeuge oder die notwendigen Fähigkeiten entwickelt.

Selbst wenn Unternehmen sich vermehrt Leute holen, die Fragen aufwerfen, die die Rolle des Unternehmens in der Gesellschaft neu definieren, ändert sich solange nicht wirklich etwas, solange sie fortfahren, auf die traditionellen Finanzberichte und die herkömmlichen Prozesstechnikwerkzeuge zu bauen. Mit diesem Tag möchte ich euch Tools in die Hand geben, die es euch erlauben, mit einem systemischen Verständnis von Wirtschaft zu agieren.«

In vielen Gesprächen mit Freunden und befreundeten Consultants war ich zu dem Schluss gekommen, dass ein Schlüssel, wenn nicht der Schlüssel zu durchschlagendem wirtschaftlichem Erfolg, auf der Fähigkeit beruht, in Netzwerken zu denken. Sobald dieser Gedanke in Unternehmen auf den Tisch gebracht wird, steht unmittelbar darauf die Frage nach der Wirtschaftlichkeit als Gegenpol dazu im Raum. Erste vielversprechende Ergebnisse mit dem Netzwerkansatz2 bestätigen mir jedoch, dass in Unternehmen heute immer noch die falschen Fragen gestellt werden und die Folgen der Antworten auf diese falschen Fragen sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren einstellen werden. Dann werden auch diese Unternehmen bereit sein, andere Fragen zu stellen.

»Mira, wenn es dir recht ist, würde ich gerne deine Tätigkeit als Technology Evangelist hernehmen, und an diesem konkreten Beispiel zeigen, wie die Fragen zu stellen sind und worauf bei der Beantwortung Acht gegeben werden muss. Ist dir das recht?«

Mira bejahte mit einem stummen Nicken.

»Wonach wir suchen, ist der grundlegende Prozess, den du mit deinen Dienstleistungen Unternehmen anbieten wirst. Könntest du diesen grundlegenden Prozess, der in allen möglichen Formen dann in verschiedensten Dienstleistungsprodukten an deine Kunden ausgeliefert wird, schon umreißen?«

»Puh, ehrlich gesagt nein. Ich verstehe jetzt nur Bahnhof.« Mira schaute mich ratlos und vollkommen überfordert an.

»Das macht gar nichts. Es dauert meiner eigenen Erfahrung nach drei bis fünf Jahre, bis du eine Antwort auf diese Frage geben können wirst. Trotzdem ist es sinnvoll diese Frage jetzt schon zu stellen. Du wirst dadurch wesentlich schneller zu einer klaren Sichtweise auf deine Tätigkeit finden.

Wenn du dir die Wertschöpfungskette des Unternehmens, in dem dein optimaler Kunde arbeitet, ansiehst… wo erhöhst du dort den Wert?«

»Ähm, mhm, kannst du die Frage anders stellen?« Mira wirkte ratlos.

»Ja, gerne. Was ermöglichst du mit deiner Dienstleistung Technology Evangelist zu sein im Unternehmen deines Kunden?«

»Also, mhm, sorry Michael, ich stehe heute komplett auf der Leitung.« Mira war richtig betrübt, mit meinen Fragen nichts anfangen zu können.

»Mira, tut mir Leid, ich habe die Fragen schlecht eingeleitet und unpräzise gestellt. Ich denke wir fangen noch einmal von vorne an.«

»Ok.« Mira fasste neuen Mut.

»Was tust du als Technology Evangelist bei deinen optimalen Kunden?«

»Oh, das kann ich dir ganz einfach beantworten: Meine optimalen Kunden sind Techniker. Sie haben eine Brille auf, die ihnen angewachsen zu sein scheint, die technische Brille. Sie merken es selbst nicht, weil sie meistens nur unter Ihresgleichen sind. Doch sehr oft müssen sie auch mit Personen außerhalb ihres Wirkungskreises sprechen, mit dem Ergebnis, dass sie dann nicht verstanden werden. Und da helfe ich ihnen diese Lücke zu schließen. Ich arbeite, wie schon früher gesagt in der Vorbereitung von deren Präsentationen und bringe alle die Aspekte ein, die bei einer rein technischen Vorbereitung verloren gehen.«

»Genau, so ähnlich hast du uns das schon einmal erzählt. Du bereitest mit deinen Klienten Präsentationen vor.

Welche Auswirkungen hat deine Tätigkeit?«

»Ich gehe einmal davon aus, dass das sehr positive Auswirkungen hat. Durch meine Arbeit wird den anderen Mitarbeitern aus Vertrieb und Management klarer, was die Techies da tun. Sie bekommen mehr Einsicht in die Prozesse, die da ablaufen, unter Umständen können die dann besser miteinander über Features und Wünsche ihrer Kunden reden. Ja, ich denke, das Unternehmen meines optimalen Kunden kann besser nach außen kommunizieren, wie ihre Produkte einen Beitrag leisten.«

»Ok, danke Mira. Für mich gibt es hier jetzt einige Punkte, die ich weiter verfolgen will. Wir werden sie einen nach dem anderen durchgehen. Zuvor ein paar Worte zu meiner Vorgehensweise.«

Ich wendete mich dem Flipchart zu und begann eine neue Seite mit der Überschrift Value Network.

»Was wir jetzt mit Miras großer Vision machen werden ist, sie schrittweise materialisieren. Da wir uns aus der Marketingperspektive diesem Thema nähern, wird es sehr einfach sein, die geeignete Hülle für Ihr Dienstleistungspaket zu finden. Alle Indizien dafür, wie es auszusehen hat bekommen wir aus dem Kontext, in dem sie vor Ort beim optimalen Kunden ausgeliefert werden wird.«

Ich unterstrich die Überschrift mit Wachsmalkreiden.

»Das erste und im Augenblick Wichtigste, was du in deiner noch eher vagen Aussage über deine Arbeit gesagt hast liegt auf Organisationsebene. Deine Tätigkeit wirkt sich scheinbar positiv auf die Kommunikation innerhalb des Unternehmens aus. In diesem Zusammenhang hast du die Abteilungen Fertigung & Entwicklung, Vertrieb, Kundendienst und schließlich auch Marketing genannt.«

»Ja, das kannst du so stehen lassen«, bekräftigte Mira meine Zusammenfassung.

»Deine Tätigkeit kann also einen ziemlich großen Einfluss im Unternehmen deines optimalen Kunden haben.«

»Ich denke ja.«

»Was bedeutet es für das Unternehmen deines optimalen Kunden, wenn es den Beitrag ihrer Produkte besser nach außen kommunizieren kann?«

»Hey, das bedeutet im besten Fall einen gesteigerten Umsatz!« Mira war jetzt plötzlich ganz Feuer und Flamme.

»Als Nächstes versuchen wir ein Diagramm zu erstellen, in dem wir die Mitarbeiter des Unternehmens, zumindest auf Abteilungsebene, und ihr Beziehungen untereinander festhalten. Wie ihr wisst, vertrete ich die Ansicht, dass die wertschöpfenden Prozesse von Menschen betrieben werden. Sie sind der aktive Teil in den Prozessen, nicht die definierten Schritte. Also sind es die Menschen innerhalb eines Unternehmens, die über ihr Wissen und ihre Beziehungen untereinander – Achtung, immaterielles Gut ;) – die Wertschöpfung definieren.«

»Aber in den Unternehmen wird irrsinnig viel Geld in Prozessoptimierung gesteckt. Die Menschen, die diese Prozesse betreiben sind doch austauschbar und werden als nicht so wichtig betrachtet«, widersprach Bianca.

»Ja, in den Produktionsstätten klassischer Konsumgüter wird das seine Richtigkeit haben. Auch in Unternehmen, die noch aus der K & K-Zeit stammen – in Österreich gibt es einige ehemals verstaatlichte Unternehmen, die noch sehr altmodisch organisiert sind – da kann das schon etwas bringen. Da stimme ich dir schon zu. Ich kenne eine Sekretärin im Ministerium deren Hauptaufgabe darin besteht, dem Sektionschef am Vormittag und nach dem Mittagessen einen Kaffee zu bringen. Wenn sie daneben noch zwei Kopien pro Tag erstellen muss, dann ist sie schon gefordert und nahe an ihrem Wochenziel. Die ist vermutlich leicht ersetzbar.

Aber in Unternehmen, die einen hohen Wissensanteil in ihrer Value Chain erfordern – Krankenhäuser, Softwarehäuser, Consultancies etc. – in Unternehmen, die nicht aus Steuergeldern finanziert werden, sind in wesentlich höherem Ausmaß durch die einzelnen Mitarbeiter gesteuert. Das kannst du auch ganz einfach feststellen. Geh’ in Unternehmen rein, die vor kurzem eine Neudefinition ihrer Prozess vornehmen haben lassen. Du wirst feststellen, dass nach relativ kurzer Zeit – einem Zeitraum von drei bis sechs Monaten – der wunderbar von einer Edelconsulting wie Accenture oder IBM designte Prozess im täglichen Ablauf kaum mehr der Definition am Papier ähnelt.

Das ist für mich auch vollkommen klar. Ein Geschäftsmodell kann wesentlich besser anhand von Wissen und Beziehungen, die Werte produzieren dargestellt werden. Ausnahme sind hier natürlich die Produzenten klassischer Wirtschaftsgüter. Aber die fallen in unserer westlichen Welt ohnehin der Seuche Auslagerung in den billigen Osten zum Opfer.

Kannst du das so nehmen, Bianca?«

Bianca schaute mich ein wenig entgeistert an, nickte aber sofort.

»Ok, wir nehmen jetzt einmal die Abteilungen her.« Ich malte vier Ellipsen, je eine für die Abteilungen Fertigung & Entwicklung, Vertrieb, Kundendienst und Marketing. In die Ovale hinein schrieb ich die Titel der Abteilungsleiter stellvertretend für das Team. Dann stellte ich Mira die nächste Frage: »Welche konkreten Transaktionen oder Aktivitäten unterhält dein optimaler Kunde mit diesen Abteilungen?«

Mira schaut die Grafik einige Zeit lang an, konnte aber nur mit der Schulter zucken. »Kann ich dir im Augenblick nicht sagen.«

»Ok, dann transferiere das jetzt einmal in dein eigenes Unternehmen. Könntest du mit deiner Dienstleistung auch deinem Unternehmen in derselben Art und Weise von Nutzen sein, wie deinem optimalem Kunden?«

»Ja, das wäre schon drinnen … ok, einen Moment, da fällt mir schon etwas ein.« Mira schaut mich jetzt nachdenklich an.

»Also der Vertrieb will von meinem optimalen Kunden immer wissen, wie weit die Implementierung der gewünschten Features fortgeschritten ist.«

»Ist das eine unternehmenskritische Aktivität?«

»In gewisser Weise ja, weil sich daraus die Intensität ergibt, mit der der Vertrieb neue Features an unsere Kunden vermarktet.«

»Daraus ergibt sich für mich sofort ein neuer Punkt. Wir müssen dieses Diagramm um die Stakeholder erweitern. In einem ersten Schritt sind das die Kunden eurer Software.

Du hast es vorher ja schon angesprochen, deine Dienstleistung kann auch dazu führen, dass mehr Umsatz gemacht wird. Dann wird es hier in der Aktivität Kunde kauft Software eine Veränderung geben, die du für die Vermarktung deiner Dienstleistung heranziehen könntest.

Diese Suche nach den Transaktionen und Aktivitäten könnten wir noch sehr lange fortsetzen. Mir ist aber wichtig, auch noch andere Fragen aufzuwerfen, damit ihr sehen könnt, wie weit ihr bei der Ausarbeitung des Ecosystems eures optimalen Kunden gehen könnt.«

Allgemeine Zustimmung im Raum.

»Die nächste Frage lautet: Welche greifbaren und welche immateriellen Ergebnisse bringt deine Dienstleistung dem Ecosystem deines optimalen Kunden?«

»Oh, das macht den Kreis gleich noch einmal auf. Ich muss einmal überlegen …« Mira fiel in Gedanken. Es machte ihr Freude, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Plötzlich gewannen auch ihre persönlichen Werte an Bedeutung.

»Als erstes fällt mir dazu ein, dass mein optimaler Kunde eine neue Stellung im Unternehmen erhält. Bisher konnte ihn niemand verstehen, weil er einfach in einer Sprache redete, die niemand verstanden hat. Nach meiner Interaktion ist er sich bewusst, wie er sprechen muss, damit er verstanden wird. Ich gehe davon aus, dass dadurch sein Beitrag besser eingeschätzt werden kann.«

»Ja, Mira. Auch hier wird es für dich wichtig sein noch viel konkreter zu werden. Die immateriellen Ergebnisse kommen auch in dein Diagramm hinein. Wir verwenden dazu strichlierte Pfeile. Du weißt worum es geht?«

»Ja.«

»Gut, dann gehen wir gleich über zum nächsten Fragenkomplex: Was ist die allumfassende Absicht des Ecosystems deines optimalen Kunden? Warum existiert es? Und welche anderen Ecosysteme bedient es? Ich bitte dich zu bedenken, dass jedes System einen größeren Zweck verfolgt. Auch wenn der in den einzelnen Vision- und Missionstatements angegebene Zweck im Alltag anders gelebt wird.«

»Also dazu fällt mir spontan ein, Unternehmen mit ihren Produkten dabei zu unterstützen runder zu laufen. Ich weiß worauf ich schauen muss, kann die Frage jetzt aber nicht besser beantworten. Ich denke aber mit einiger Zeit Internetrecherche komme ich da auf einen grünen Zweig.«

»Ok, dann gleich weiter zur nächsten Frage: Wo ergänzt sich dein Angebot an deinen optimalen Kunden mit dem Angebot anderer Anbieter? Wo könntest du strategische Partnerschaften schließen, um deine Ziele zu erreichen? Wo bist du wirklich so einzigartig, dass nur du die Leistung erbringen kannst?«

»Ok, jetzt passe ich wieder. Frage klar, Antwort muss recherchiert werden.«

Mira war jetzt glücklich. Wir hielten noch einige Transaktionen und Aktivitäten im Diagramm fest und nach und nach wuchs ihr Repertoire an Argumenten, die den Einsatz ihrer Dienstleistung bei ihrem optimalen Kunden untermauern würde.

»Mira, mir fehlt jetzt noch eine weitere Qualität, die ich mit dir durchbesprochen wissen will, bevor wir zum nächsten großen Themenblock übergehen können. Dieser Qualität können wir mit der Fragestellung Wie arbeitest du mit deinem optimalen Kunden? näher kommen.«

»Ok. Also ich denke, da habe ich schon eine sehr konkrete Vorstellung. Ich werde es dir einmal anhand unserer eigenen Firma vorstellen. Das hat früher gut funktioniert und ich denke den Schritt hinaus zu meinem optimalen Kunden finde ich dann schon.«

»Gut, fang’ einmal an.«

»Oh, jetzt wird mir langsam auch die Frage zugänglich, die du heute in der Früh gestellt hast, die nach meinem Kernprozess.«

»Du spannst uns aber auf die Folter«, grinste ich Mira an.

»Ich habe euch doch schon erzählt, dass ich mit und bei meinen Kunden Präsentationen vorbereite. Das kann ich inzwischen noch weiter konkretisieren. Meine optimalen Kunden sitzen in der Softwarebranche. Diese Branche hat noch immer ein großes Manko, das der Dokumentation. Die Anforderungen an die Entwicklung sind so hoch und das zeitliche Budget, oft auch die zur Verfügung stehenden Ressourcen an Menschen, sind so gering, dass es wichtiger ist zu entwickeln, als zu dokumentieren.

Das Ergebnis ist dann sehr oft, dass sich nur die Key-User3 mit der Software auskennen. Die machen sich dann meist selbst eine stichwortartige Dokumentation, die sie in irgendwelchen Dokumenten unterbringen, auf die nur sie selbst Zugriff haben.

Und hier komme ich ins Spiel. Da sehr oft nur der Programmierer selbst weiß, welche Features die Software hat, setze ich mich mit ihm gemeinsam hin und erstelle eine umfassende Dokumentation. Das ist ein dialogischer Prozess, bei dem ich gleichzeitig lerne, wie die Software funktioniert und anhand der auftauchenden Fragen, selbst sehr einfach den Rahmen und den notwendigen Umfang abstecken kann.«

»Warum ist es so wichtig, eine Dokumentation zu erstellen, wenn die Key-User wissen, was zu tun ist? Ist kommerzielle Software nicht ohnehin gut dokumentiert?« Ich konnte mir die Fragen einfach nicht verkneifen.

»Oh ja. Das ist sie bis zu einem ertäglichen Grad. Probleme entstehen in den Unternehmen, deren Geschäftsmodelle zum Teil auf der Weiterentwicklung von Open Source Software besteht. Diese Unternehmen sind die Vorreiter von oft bahnbrechenden Innovationen. Oft sind sie diejenigen, die überhaupt erst eine Marktnische eröffnen. Diese Unternehmen sind oft so tief drinnen in der Entwicklung, dass sie ganz vergessen, dass der Benutzer eine sehr steile Lernkurve hinter sich bringen muss, bevor er überhaupt daran denken kann, das jeweilige Framework4 oder die Programmbibliotheken5 zu verwenden. Und da wird dann eine gute Dokumentation wirklich zum entscheidenden Zünglein an der Waage. Ich selbst verwende nur Open Source Software, bei der ich abschätzen kann, ob ich die Technologie mit der vorhandenen Dokumentation selbst erlernen kann. Alles andere bedeutet einen gewaltigen Kommunikationsaufwand…«, Mira grinste mich an,»der für mich ein reiches Betätigungsfeld darstellt.«

»Wow, Mira. Ich bin beeindruckt. Warte bitte einmal einen Augenblick. Ich will versuchen herauszudestillieren, wie du mit deinem optimalen Kunden arbeitest. Du bist also mit ihm oder ihr auf eine bestimmte Zeit zusammen. Es handelt sich um eine Vororttätigkeit, richtig?«

»Ja, genau.«

»Ihr erstellt eine Dokumentation der Software, damit Personen, die in der Innovationsschleife nachfolgen eine erträgliche Lernkurve haben. Richtig?«

»Könnte man so ausdrücken. Richtig.«

»Das Ergebnis ist etwas Handfestes?«

»Ja, man kann die Dokumentation ausdrucken, online stellen. Denkbar ist es auch, wenn es sich um ein Framework handelt, dass eine Beispielapplikation geschrieben wird, die didaktisch aufzeigt, wie mit dem Framework umgegangen wird.«

»Ok, verstehe. Ihr erstellt Beispiele mit dem Framework zur Veranschaulichung der Möglichkeiten.«

»Genau.«

»Wahnsinn, da ist ja einiges an Potential in deiner Dienstleistung drinnen. Wie viele Open Source Frameworks dümpeln so vor sich hin? Ich erinnere mich zu meiner Zeit, da waren das hunderte. Ist das heute auch noch so?«

»Ja. Dieses Geschäftsmodell wird in der Softwarebranche inflationär benützt.«

»Freut mich für dich.« Ich nickte Mira bestätigend zu. »Mira, ich gehe hier nicht mehr weiter ins Detail. Kommen wir gleich zur nächsten Frage: Woran bemerken die betroffen Abteilungen deine Arbeit? Orientieren wir uns doch an der Grafik, die wir erstellt haben. Woran merkt es der Vertrieb?«

»Der Vertrieb bekommt durch meine Dienstleistung zusätzliche Materialien in die Hand, die für die Vermarktung der produzierten Software verwendet werden können.«

»Oh, damit bist du jetzt bereits im Marketing tätig.« Alle Teilnehmer lachten.

»Willkommen im Club… Machen wir das hier gleich einmal fest. Ok, woran wird es die Entwicklungsabteilung selbst bemerken?«

Wir arbeiteten die erhaltenen Ergebnissen noch einige Zeit in den Chart des Value Networks ein. Ich stellte viele klärende, vertiefende Fragen, fasste zusammen und beglückwünschte Mira mehrfach für den einträglichen Job, den sie dabei war für sich selbst aus dem Nichts zu schöpfen.

Als ich das Gefühl hatte, die Prinzipien meines Vorgehens klar demonstriert zu haben, setzte ich die Fragestunde in einem Kleingruppensetting fort. Dazu gab es einen vorgefertigten Fragebogen, den ich austeilte und den sich die Teilnehmer gegenseitig in einem Coachingsetting stellten. Als es Zeit für das Mittagessen wurde, fassten wir gemeinsam alles noch einmal zusammen. Der Nachmittag galt dem Aufräumen aufgetauchter Unklarheiten und der Integration in die Aktivitäten für die nächsten Wochen. Schließlich blieb mir nur noch übrig, den Block feierlich zu schließen.

»Wir können über unsere Betätigungen in der Wirtschaft auf verschiedenen Ebenen nachdenken. Die althergebrachte Denkweise ist die, die Geld in den Mittelpunkt allen Tuns stellt. Sie hat uns global gesehen einen in weiten Teilen ausgebeuteten Planeten hinterlassen. Viele Menschen leiden zunehmend an chronischen Erkrankungen, denkt nur an die Kinder in Ballungszentren, die vermehrt unter der erhöhten Feinstaubbelastung leiden, Küstengebiete, die für Jahrhunderte durch Öl aus gestrandeten Tankerschiffen zerstört sind, ganze Landstriche, die durch Atomtests oder Atomunfälle verseucht worden sind. Und das ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs. Die Verantwortung für die Welt wurde bisher delegiert an Regierungen, die vielfach auch nicht mehr handlungsfähig sind, weil sie zusehends zu Marionetten der globalen Raffwirtschaft verkommen sind.

Es wird Zeit für uns, wieder selbst Verantwortung zu übernehmen und den Menschen draußen zu zeigen, dass mit Fragen, die weiter reichen, als bis zur eigenen Geldtasche, auch erfolgreich gewirtschaftet werden kann. Natürlich setzt das voraus, andere Fragen zu stellen und sich wirklich die Arbeit anzutun, diese Fragen auch zu beantworten.

Ich gebe euch ein Beispiel. Ein Blumenhändler6 in Köln merkte, dass sein Geschäft nicht mehr so gut ging. Er überlegte, was zu tun sei und kam zu folgender Lösung: Seit Mai dieses Jahres bietet er als einer der ersten Blumenhändler Deutschlands Bioblumen an. Das Sortiment besteht aus mehr als 20 Sorten von der Rose bis zur Dahlie. Die Pflanzen sind auf unbehandeltem Boden gewachsen, nur mit organischem Dünger und ohne Schädlingsgift heran gezüchtet – in Biogärtnereien in den Niederlanden oder Ecuador.

Zusätzlich beauftragte der Unternehmer eine Firma, My Climate, die sich auf Klimaschutz spezialisiert hat. Diese berechnete ihm, wie viel Kohlendioxid beim Transport der Bioblumen und dem Beleuchten der Gewächshäuser entsteht. Derzeit sind das 260 Tonnen pro Jahr. Der Unternehmer übernimmt die Verantwortung und kauft für rund 4500 Euro Zertifikate, mit denen in Indien der Ausstoß an Kohlendioxid durch unterschiedliche Maßnahmen reduziert wird, exakt um 260 Tonnen.

Die Idee kommt sehr gut an. Sein Blumenladen boomt wieder. Damit aber nicht genug. Auf Anraten seines Sohnes eröffnet der Blumenhändler einen Bioblumen-Internetshop. Wer im Internet bis 16 Uhr bestellt, bekommt seine frischen Bioblumen am nächsten Werktag deutschlandweit zugestellt.

Eine ethische Vorgehensweise, die unmittelbar mit Kundenzuwachs belohnt wird und zum Nachahmen verleitet.«

Das Ende des zweiten Blocks war gekommen, ein besinnliches Ende. Obwohl alle sehr viel Spaß während dieser Auszeit unter der Woche hatten, gingen wir nun doch besinnlich nach Hause. Für mich war es in den letzten Jahren immer klarer geworden: Wenn wir immer nur die anderen für die Missstände um uns herum verantwortlich machen, dann wird sich nie etwas zum Positiven ändern. Darum appellierte ich regelmäßig an alle meine Kunden auch ganz klar den Faktor Umweltverantwortung zu berücksichtigen.

  1. Corporate Social Responsibility umschreibt verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln, welches über die eigentliche Geschäftstätigkeit eines Unternehmens hinausgeht. Die Gesellschaft fordert von Unternehmen die Übernahme von Verantwortung. Für Unternehmen besteht aufgrund veränderter Umweltbedingungen der Druck, sich zunehmend mit der Nachhaltigkeits-Thematik auseinander zu setzen, da sie anderenfalls Gefahr laufen, die von der Gesellschaft benötigte {\em Licence to operate} zu verlieren. Prominentes Beispiel für die Konsequenzen bei Verlust der Licence to operate stellt Shell -- Brent Spar -- dar. Zitiert nach Wikipedia.

  2. Verna Allee ist Autorin und Beraterin aus dem Anglo-Amerikanischen Raum. Sie erforscht Value-Networks. Value Networks sind komplexe Sets bestehend aus sozialen und technischen Resourcen. Wie der Name sagt, erzeugen diese Netzwerke über Wissen Wert. Allee ist eine der führenden Forscherinnen im Bereich von Knowledge-Management-Systemen. Empfehlenswerte Literatur: The Future of Knowledge. Increasing Prosperity through Value Networks.

  3. Key-User sind der Schlüssel für den erfolgreichen Einsatz einer SAP-Lösung in Unternehmen. Eine fundierte Aus- und Weiterbildung dieser Anwendergruppe ist daher für jedes Unternehmen besonders wichtig. Die Key-User sind im Unternehmen die ersten Ansprechpartner, wenn es im Zusammenhang mit einer SAP Anwendung Probleme gibt. Daher ist das auch die erste Zielgruppe, die ein Training bekommt, wenn SAP-Lösungen in einem Unternehmen eingeführt werden.

  4. Ein Framework ist eine Grundstruktur, ein Rahmenwerk. Der Begriff Framework wird gleichermaßen in der Organisation, im Vertragswesen und in der Software-Entwicklung verwendet.
    In der Software-Entwicklung bestimmt das Framework die Softwarearchitektur der Anwendung und stellt Bausteine für die Entwicklung für die Designgrundstruktur zur Verfügung. Diese Basisbausteine existieren in Form von abstrakten und konkreten Klassen und unterstützen das Erstellen von Applikationen. Das komplette Framework besteht aus mehreren Klassen, die zusammenarbeiten und wiederverwendbare Entwürfe darstellen. Das Framework bildet die generelle, umfangreiche Rahmenstruktur, die in sich unterteilt ist.

  5. Eine Programmbibliothek, kurz Bibliothek, ist eine Sammlung von Routinen, Prozeduren, Programmteilen oder Programmen, die häufig gebraucht werden und die in einer Bibliotheksdatei zusammengefasst sind. Die einzelnen Routinen und Prozeduren können vom Programmierer aus der Library abgerufen und für die Programmerstellung benutzt werden.
    Man unterscheidet zwischen residenten Libraries, die während des Betriebes jederzeit verfügbar sind, transienten, die erst von einem Speichermedium geladen werden müssen und dynamischen Bibliotheken (DLL), deren Funktionen erst beim jeweiligen Aufruf eines Programms dynamisch geladen werden. Bibliotheken gehören zur Entwicklungsumgebung einer Programmiersprache und verkürzen die Programmierzeit. Quelle

  6. Die Geschichte von den Bioblumen stammt aus dem brandeins-Artikel Die Ausbrecher von Mathias Irle.