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erkennen Sie, welchen Beitrag Sie wirklich leisten wollen

Deine Berufung findest dort, wo sich der Welt größtes Bedürfnis mit deines Herzens größter Freude überschneiden. Richard Bolles

Mira war schon vor neun Uhr wieder auf unserem Gelände angelangt. Sie hatte die paar Meter vom Parkplatz an der Bundesstraße bis zu unserem Hof in einem lockeren Dauerlauf genommen und war ein wenig aus der Puste gekommen.

»Ist ganz schön steil hier herauf?« rief ich ihr entgegen, als ich sie kommen sah.

»Ja, man kommt schon außer Atem.«

Wir begrüßten uns und gingen in den Aufenthaltsraum im Stadl. Der Kaffee duftete uns schon auf der Treppe entgegen und der Tee war gerade richtig lange gezogen.

»Ich habe dir einen Kräutertee gemacht.«

»Oh, das ist aber aufmerksam. Danke!«

Wir nahmen jeder unser Lieblingsgetränk und setzten uns auf die Bank.

»Wie ist es dir mit deinen Aufgaben gestern Abend ergangen?«

Mira grinste: »Sehr gut, danke der Nachfrage. Willst du sehen, was herausgekommen ist?«

Natürlich wollte ich.

Wir gingen circa eine halbe Stunde lang ihre Vision eines optimalen Kunden durch. An der Qualität der Ergebnisse konnte ich ablesen, dass Mira es sich wirklich nicht leicht gemacht hatte und bei der Erstellung ihrer Unterlagen sehr gewissenhaft vorgegangen war. Sie bestätigte das auch, indem sie mir auf eine meiner Fragen antwortete, dass sie bis weit über Mitternacht am Laptop gesessen war.

»Das interessante für mich daran ist, dass du überhaupt nicht müde wirkst.«

Mira lachte, »Ich bin auch ganz und gar nicht müde. Irgendwie fühle ich mich getragen.«

»Schön!« Ich konnte mir diesen Ausruf der Überraschung nicht enthalten. Zumal es so oft passiert, dass mich Kunden besuchen kommen, die dann mit richtig viel Heimarbeit ins Hotel abrücken und am folgenden Tag mit einer Fülle von Material zurückkommen, angeben sie hätten die halbe Nacht gearbeitet, davon aber nicht müde, sondern eher noch wacher geworden zu sein.

»Dann betrachten wir diese Aufgabe fürs erste als gegessen.«

»Komische Redewendung.«

»Ja.«

Ich musste lachen. Trotz einigem Aufwand, den ich in meine eigenen Formulierungen steckte, haben sich gewisse lokale Wendungen hartnäckig gehalten und verwunderten dann immer wieder meine Gesprächspartner.

»Ich habe gestern auf deine Frage hin, ob du auch nach deinem optimalen Kunden Ausschau hältst, wenn du noch gar keinen Kunden hast, gesagt, dass du diese Zeit dafür nützen kannst dich um deine große Aufgabe zu kümmern.«

»Ja, und hast mir nicht ein einziges Wort darüber verraten.«

»Genau, weil das unser heutiges Thema ist.«

»Ich bin ganz Ohr.«

»Bevor ich darauf eingehe, ist es mir sehr wichtig festzuhalten, dass wir es in unserem beruflichen Umfeld immer mit Menschen zu tun haben. Und die Idee, die wir gestern erörterten, ermöglichte uns eine wesentliche Einsicht: Wenn wir uns mit den Menschen umgeben, die wir wirklich wollen, die uns selbst weiterbringen und zu noch besseren Menschen machen, dann können diese unsere optimalen Kunden und wir, ihre Dienstleister, nur gewinnen.«

»Ja, so in etwa könnte man unsere gestrige Unterhaltung zusammenfassen.«

»Heute gehen wir den nächsten Schritt, indem wir sagen: Wenn wir nur noch das tun, was wir wirklich gerne tun, das, was wir mit Liebe und Hingabe tun, und was daher vermutlich großartig von uns gemacht werden wird, dann werden wir damit den besten Beitrag leisten, den wir leisten können.«

Mira ließ sich die Worte noch einmal durch den Kopf gehen. So ein Kondensat war nicht ganz einfach zu verarbeiten. Ich ließ ihr Zeit.

»Das spielt an auf die Fragestellung im Persönlichkeitsurlaub.«

»Richtig. Doch im Persönlichkeitsurlaub ging es mehr um dich. Du hast mir selbst erzählt, dass du dich so lebendig fühltest, als du diese Aufgaben gemacht hast. Der Fokus bei all diesen Beschreibungen lag in diesem Augenblick bei dir allein. Und das war gut so.«

Mira hatte sich zurückgelehnt und schaute mich herausfordernd an.

»Wenn du deinen Platz in der Welt finden willst, dann ist es unabdingbar, dass du deinen Blick, nachdem du dich selbst intensiv erforscht hast, nach außen richtest. Hier verwende ich gerne einen Aphorismus von Richard Bolles, ‚Deine Berufung findest dort, wo sich der Welt größtes Bedürfnis mit deines Herzens größter Freude überschneiden‘

Die Worte trafen Mira wie ein Blitzschlag. Plötzlich entwich ihrem Mund ein Ja!«, das aus ihrem tiefsten Inneren zu kommen schien. Es war so, als ob sie ihre Zustimmung von einer Grundkonstante ihrer Lebenshaltung aus gegeben hätte, die lange lange Zeit verschüttet gewesen war und nun endlich zum Licht gefunden hatte.

Etwas später sagte sie dann, »Das ist es. Es ist für mich so sonnenklar, dass es nur das sein kann. Und trotzdem fühle ich mich im Augenblick noch meilenweit davon entfernt.«

»Das macht gar nichts. Worauf du soeben für einen kurzen Augenblick dein Antlitz wenden konntest, war das unendliche Energiereservoir, das in deinem Inneren darauf wartet, von dir befreit zu werden.«

Mira starrte mich mit offenem Mund an. Als sie sich wieder gefasst hatte fragte sie sofort, »Das soll es gewesen sein?«

»Hast du die Energie, die in deinem ‚Ja‘ lag gespürt?«

»Oh, ja!«

»Die kommt von dir, von deiner Mitte. Andere sagen Seele dazu. Ich bin bei spirituellen Begriffen immer sehr vorsichtig. Jedenfalls ist das in meinen Augen die Urkraft, die in jedem Menschen vorhanden ist.«

»Ok. Eine Frage habe ich aber noch.«

»Und die wäre?«

»Wie werde ich davon satt?«

»Wie werde ich davon satt?« Ich wiederholte Miras Worte, mehr in Gedanken als in gesprochenen Worten, jedoch hörbar. Mira sah, dass ich nachdachte. Für mich war es eher ein ringen um Worte, als ein Nachdenken.

»Wenn wir diesen schöngeistigen Diskurs hier einfach wieder in unser Marketingthema einfädeln, dann würde ich es so formulieren: ›Der Marketingprozess bietet dir Möglichkeiten, deinen Platz in der Gesellschaft zu finden.‹«

»Ok. Das klingt schon wesentlich realer für mich.« Miras Worte klangen streng in meinen Ohren. Ihre Haltung vermittelte mir ein Bild leichter Unsicherheit. Woher kam das? Hatte ich sie mit meiner Sichtweise zu weit von der handfesten Realität entfernt und damit verunsichert? Und sie überspielte es gekonnt mit Strenge? Ich wollte meine Augen offen halten.

Einladung zur Heldenreise1

»Dann wollen wir jetzt einmal schauen, wie dieser Schnittpunkt für Mira aussehen könnte.«

»Wer, was, welcher Schnittpunkt?«

»Mira, bisher haben wir feststellen können, dass dich das Thema Softwareentwicklung beschäftigt. Du hast selbst über einen längeren Zeitraum lose Informationen dazu gesammelt und bist in der Zeit, in der wir miteinander arbeiten, draufgekommen, dass du gerne in einem Team arbeiten willst, das du selbst führst. Die Ergebnisse, die ihr mit diesem Team erarbeitet willst du einer weiteren Öffentlichkeit, deinen optimalen Kunden, präsentieren. Und du weißt, dass dich diese Form der Arbeit, die sich in wesentlichen Aspekten von deiner gegenwärtigen Beschäftigung unterscheidet, anzieht. Habe ich etwas vergessen?«

»Nichts wesentliches.«

»Bisher ist für dich dieses Wunder eine Möglichkeit. Das heißt, du kannst es dir vorstellen. Ja mehr noch, es wäre sogar ein Traum, wenn deine Zukunft so aussehen würde.«

»Ja, das wäre ein Traum. Ich meine, schau doch einmal, wo ich heute stehe. Ich denke ich habe dir ausführlich davon berichtet.«

»Das hast du.«

Ich machte eine kurze Pause, atmete tief ein und begann wieder zu sprechen: »Was hältst du davon, wenn wir diesen Traum jetzt und hier zu materialisieren beginnen?«

»Ähm, das geht doch nicht, oder?«

»Es geht nicht in jedem Fall. Aber ich war selbst schon Zeitzeuge und Komplize, bei einigen solcher Materialisierungen.«

»Echt?«

»Ganz echt.«

»Ok. Was muss ich tun?«

»Ich schlage vor wir gehen ein Stück.«

»Gut.«

Wir brachen auf. Ich wollte einen anderen Weg als Tags zuvor nehmen. Einen, der etwas steiler nach oben führte.

»Gibt es in dieser Beschäftigung irgendeinen Aspekt, der einer großen Menge von Menschen echten Nutzen bringen könnte?«

Mira begann nachzudenken. Und es dauerte einige Zeit, bis sie eine Antwort parat hatte.

»Ich denke, ja.«

»Kannst du mir deinen Beitrag zu diesem Nutzen definieren?«

»Ok. Mhm, wie soll ich dir das am einfachsten erklären?« Mira dachte noch einige Zeit nach, fand dann aber die richtigen Worte und begann zu sprechen.

»Schon seit geraumer Zeit gibt es zwei grundlegende Arten, wie Software produziert wird. Da ist zum einen ein Modell, das Bill Gates zum reichsten Mann der Welt gemacht hat. Es funktioniert so: Gründe eine Firma, kaufe oder schreib eine Software, die möglichst oft gebraucht wird und verkaufe sie, so oft es geht. Bill Gates hatte mit seiner Software, einem Betriebssystem, damals eine bestehende Marktlücke aufgefüllt. Gates Firma, Microsoft, konnte mit seinen Betriebssystemen schon im Laufe der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Vorrangstellung auf dem Desktop-Markt erreichen, den er heute immer noch beherrscht.«

»Ok, kenne ich. Auch auf meinem Desktop rennt ein Windows XP. Und die andere Methode?«

»Das zweite Modell wurde durch die rasante Ausbreitung des Internets ermöglicht. In diesem, sehr offenen Entwicklungsmodell, arbeitet eine weltweite Gemeinschaft vieler Programmierer über das Internet an der Erstellung von Software zusammen. Die Quelltexte liegen dabei für jeden Interessenten in einer für den Menschen lesbaren und verständlichen Form vor. Die Software darf beliebig kopiert, verbreitet und genutzt werden. Und die Software darf verändert und in der veränderten Form weitergegeben werden.«

»Kenne ich auch. Hab selbst einmal mit einem Open Source Framework etwas intensiver gearbeitet. Das war eine spannende Unternehmung.«

»Oh ja, ist es auch. Der Nutzen für Unternehmen und Privatpersonen, die Open Source Software verwenden, so nennen wir die Art von Software, die über das zweite Modell hergestellt wird, ist mannigfaltig. Es reicht von ganzen Office Paketen über Webbrowser bis hin zu komplexer Software zur Unternehmenssteuerung.«

»Das gibt es alles.«

»Das alles und viel mehr. Und die Software ist kostenlos!«

»Man kann die aber nicht so einfach verwenden.«

»Richtig. Wie bei jedem technischen Ding, so ist auch bei Open Source Software einiges an Vorwissen notwendig, um es für sich einsetzen zu können. Und da beginnen dann auch die Probleme.

Wenn du heute einen Computer kaufst, dann kommt der vorinstalliert mit bestimmten Programmen kommerzieller Anbieter daher. Der Vorteil liegt auf der Hand. Du kannst gleich mit der Arbeit beginnen.«

»Ist doch auch gut so.«

»Ja. Nur nutzen die Firmen, die ihre Software am Computer bereits vorinstallieren durften diesen Vertrauensvorschuss Ihrer Bediener auch dazu aus, um weiter ins Geschäft einzusteigen. Und manchmal machen sie das so, dass sie dabei die Open Source Szene anschwärzen.«

»Und schaffen damit ein Klima der Angst, wenn es darum geht, im Unternehmen vermehrt Open Source Software einzusetzen.«

»Gut aufgepasst.« Mira grinste mich an.

»Ok. Was ist nun dein Beitrag?«

»Ich will mich für die Verbreitung von Open Source Software in Unternehmen einsetzen.«

»Ok. Und wenn du das jetzt im Hinblick auf ein konkretes Ziel hin definieren müsstest?«

»Wow, ein Ziel, verwenden wir im Projektmanagement andauernd. Richtig, dann wäre das …«

Mira dachte nach. Ihre Augen blitzten. Sie vermittelte prächtige Stimmung.

… eine Sache, in der ich Open Source auf die Bühne bringe, um der Unternehmenswelt, die noch nichts davon weiß oder dem Thema noch skeptisch gegenüber steht Argumente und Erfolgsgeschichten in die Hand zu geben, damit die fundiert darüber nachdenken können, ob das nicht auch für sie ein Thema wäre.«

»Ok, bei mir ist angekommen Bühne, das Thema Open Source, im Publikum Unternehmer und Manager. Welcher Nutzen?«

»Ok, ok, ok … qualitativ hochwertige Software bringt weniger Stillstandszeiten, bringt neue Anwendungsmöglichkeiten, Vernetzung … ich würde im Augenblick einmal sagen gesteigerte Produktivität.«

»Das sagen viele.«

»Stimmt. Das ist in der IT bald seit Jahrzehnten eines der Hauptargumente. Ich behaupte, da gibt es einen Weg hin, das auch wirklich zu belegen.«

»Gut. Könntest du deiner Tätigkeit in diesem gesamten Vorhaben einen Titel geben. Du weißt schon, wir lieben es, wenn wir konkreten Dingen abstrakte Namen geben, die wir dann auf Visitenkarten und Namensschilder drucken können.«

»Ja, kann ich. Ich wäre dann Technology Evangelist2. Ein aufregender Beruf, Guy Kawasaki hat viel in seinen Büchern über seine Tätigkeit als Technology Evangelist bei Apple und anderen Unternehmen in Kalifornien geschrieben.«

»Wow, klingt umwerfend. Wann ist es soweit bei dir?«

»Ok … ich denke ich bin jetzt eine kleine Angestellte und fange ganz unten an.«

»Denk einmal nicht so.«, unterbrach ich sie sofort, »Versuch einmal, für kurze Zeit nur groß zu denken. Welche Zahlen würden dir unmittelbar den Kopf verdrehen? Bis wann bist du ein Technology Evangelist«

»Puh, ich denke zwei Jahre würde das schon dauern.«

»Zwei Jahre also.«

»Ja, so in etwa.«

»Woran würdest du denn erkennen, dass du dann Technology Evangelist bist?«

»Mhm. Also einmal sicherlich daran, dass ich unterwegs bin und auf Kongressen und Messen Keynotes halte.«

»Gut. Woran noch?«

Mira dachte weiter nach.

»Ha. Daran, dass ich nicht mehr in diesem Unternehmen tätig bin, sondern selbständig bin. Vielleicht habe ich dann sogar meine eigene Firma.«

»Oh, sehr interessant.«

»Und dann noch daran, dass ich in Fachzeitschriften publiziere.«

»Ok. Danke. Das genügt mir fürs erste.«

»Noch etwas.«

»Ok.«

»Ich würde nicht mehr in Wien wohnen, sondern in Zürich.«

»Nur zu!« Nun war ich es, der grinste. Ich habe die Zeit, die ich in Zürich zu tun hatte immer sehr genossen.

»Das hätte also einige Konsequenzen für deine unmittelbare Umgebung. Wer wird denn alles betroffen sein von diesem Schritt in Richtung Technology Evangelist?«

Ich unterhielt mich noch sehr ausführlich mit Mira über die Auswirkungen ihres Vorhabens. Sie würde auf einiges zu verzichten haben, aber auch viele neue aufregende Begebenheiten erleben. Ich bot ihr das Bild einer Heldenreise an: Wir haben die Möglichkeit unserem Tun auf verschiedenste Art Bedeutung zu geben. Es steht uns dabei auch frei, die Worte dafür selbst zu wählen. Der Gedanke es auf diese Weise zu versuchen, groß zu denken, ein heldenhaftes Leben zu führen und sich einer großen Aufgabe zu stellen gefielen Mira. Es erfüllte sie mit Leben. Als ich sie daraufhin fragte, ob es der Schritt in Richtung Technology Evangelist sei, kam so ein klares ‚Ja‘, dass wir sofort daran gingen, die ersten Schritte in diese Richtung abzuklären.

Auf der Suche nach Indizien

»Mira, wir haben uns nun sehr ausführlich mit deinem inneren Leben auseinander gesetzt. Du hast selbst einige deiner Stärken geborgen, du bist dir über die Schnittstellen zu deiner Mitwelt klar geworden und du hast ein großes Ziel definiert. Du hast eine Aufgabe gefunden, bei der du über dich hinauswachsen kannst. Was wir als Nächstes tun müssen ist, für diese Innensicht Indizien in der Welt dort draußen zu finden.«

»Ich bin schon gespannt, was ich da zu tun haben werde.«

»Etwas, das viel viel einfacher ist, als du dir vielleicht im Augenblick denkst.«

Wir waren wieder zu unserem Ausgangspunkt zurückgewandert. Mira hatte sich zum Tisch gesetzt. Ich bereitete uns einen Tee zu.

»Im nächsten Schritt geht es darum, die Außensicht abzuholen.«

»Ok.«

»Suche dir zwischen zehn und zwanzig für dich wichtige Personen aus deinem Leben aus. Das können alte oder neue Arbeitskollegen, alte oder neue Freunde, Familienmitglieder, Kunden oder jeder x-beliebige Mensch sein, mit dem du in der Vergangenheit mehr Kontakt hattest.«

»Kann das auch eine Kollegin sein, mit der ich zusammen in der Schwimmmannschaft war?«

»Ja. Natürlich sind auch Kollegen aus Sport und Freizeitbeschäftigungen gut geeignet für diese Aufgabe.«

»Ok, danke. Eine Frage habe ich noch.«

»Ja?«

»Ja, müssen das Menschen sein, die an meinen besten Tagen anwesend waren oder können das auch andere sein?« Mira spielte auf die erste Übung aus dem Persönlichkeitsurlaub an.

»Nein, das sollen einfach Menschen sein, die dich in der Arbeit oder in gesellschaftlichen Situationen erlebt haben.«

»Verstehe. Gut.«

»Gut. Diese Menschen bittest du, eine Frage zu beantworten. Diese Aufforderung übermittelst du am besten als E-Mail. Genauso gut könntest du das aber auch über einen herkömmlichen Brief oder ein persönliches Gespräch machen. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass E-Mail die geeignetste Variante darstellt.«

»Ok. Ich denke ich werde es per E-Mail machen. Da kann jeder am einfachsten Antworten und es vergeht keine Zeit mit Postwegen.«

»Sehr gut. Die Aufforderung lautet: ‚Bitte beschreib’ mir drei bis fünf konkrete Situationen aus unserer gemeinsamen Vergangenheit, in der ich einen positiven Wert hinzugefügt oder einen wichtigen positiven Beitrag geleistet habe.«

»Mhm. Ja, kann ich mir vorstellen.«

»Wenn du diese Aufforderung übermittelst, vergiss nicht zuvor auf deine augenblickliche Situation hinzuweisen und dass die Ergebnisse dir dazu dienen, dich persönlich weiterzuentwickeln. Das wird dein Gegenüber eher ermutigen, aus sich herauszugehen.«

»Verstehe, klar.«

»Sorge auch dafür, dass es für die Antworten eine Deadline gibt. Ein Zeitraum von ein bis maximal zwei Wochen sollte dafür reichen. Wichtig ist hier, dass du als Ergebnis wirklich mindestens zehn Antworten erhältst. Je weniger die verschiedenen Personen miteinander zu tun haben, desto besser für dich. Dann bekommst du wirklich ein rundes Bild. In dieser Übung nur zwanzig Kollegen aus deiner aktuellen Firma zu fragen, wäre vergeudete Zeit.«

»Ich verstehe schon, es geht darum eine diversifiziertes Bild zu bekommen.«

»Genau!«

»Was mache ich dann mit den erhaltenen Einsichten?«

»Du sortierst sie dir nach Themenkomplexen. Die Kategorisierung ist dir selbst überlassen. Du wirst anhand der Rückmeldungen spontan die passendste Einteilung finden.«

»Ok.«

»Aber das war noch nicht alles.«

»Oh.«

»Wenn du alle Antworten erhalten und sortiert hast, dann bleiben dir noch zwei Aufgaben über.

Nummer eins: Du setzt dich hin und gestaltest aus den Rückmeldungen eine Text-Collage, die wiedergibt, wie du auf die Gesamtheit dieser Personen gewirkt hast. Wichtig dabei ist, dass du den genauen Wortlaut der Antworten verwendest und keine eigenen Worte dazu gibst. Sei genau und schummle nicht.«

»Ok, und Nummer zwei?«

»Wenn du diese Collage erstellt hast, und wirklich erst dann, erstellst du eine integrierte Personenbeschreibung, die alles enthält, was du bisher über dich recherchiert hast, deine Stärken, was dich unterstützt, was dich leitet, sowohl aus der Vergangenheit, als auch aus deinem Zukunftsbild.«

»Oh, das klingt sehr interessant.«

»Das ist es auch.«

Wirkung und Wirklichkeit

»Noch ein Wort zum Umgang mit den Rückmeldungen. Bedenke immer, dass es sich dabei um Wahrnehmungen deiner Person handelt. Manche Menschen unterscheiden nicht genau zwischen Wirkung und Wirklichkeit. In ihren Formulierungen überschneiden sich dann diese beiden sehr unterschiedlichen Bereiche unseres Lebens.«

»Woran kann ich das merken?« Mira schaute mich verblüfft an.

»Das merkst du ganz einfach an der Formulierung, die du zurück bekommst. Wenn darin beispielsweise steht, du bist eine zuvorkommende Person, dann sagt das zuerst einmal nichts über dich aus, sondern nur über die Wahrnehmung desjenigen, der das geschrieben hat. Sie oder er hat dich in dieser Situation als zuvorkommend wahrgenommen. Du könntest in so einem Fall hinterfragen, wie es zu dieser Wahrnehmung gekommen ist. Nicht selten kommen in solchen Fällen frühere Erfahrungen dieses Menschen ans Tageslicht, die dein Verhalten in seiner Wahrnehmung einer konkreten Situation als zuvorkommend eingefärbt haben.«

»Aha.«

»Derartiges Verhalten3 lässt jedoch keinesfalls auf Absicht schließen. Vielmehr kommt es durch Mechanismen zustande, die unser Gehirn und unseren Wahrnehmungsapparat steuern.«

»Die komplexen Steuermechanismen unseres Computers zwischen den beiden Ohren?«

»Genau die.«

Die informationstechnische Formulierung Miras machte uns lachen.

»Der Mensch nimmt pro Sekunde zwischen 40 Millionen und 10 Milliarden Informationseinheiten, auch

genannt, auf. Über Mechanismen, die außerhalb unseres Wachbewusstseins liegen, wird diese gewaltige Datenmenge innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde auf 100 Bit reduziert. Diese 100 Bit nehmen wir dann bewusst wahr.«

»Unvorstellbar. Ob Computer jemals so eine Leistungsfähigkeit erreichen werden?«

»Warum nicht. Schau dir nur an, was sich innerhalb von wenigen Jahrzehnten in der Branche entwickelt hat. Heute werden Prozessoren hergestellt, die gerade einmal so groß wie ein Fingernagel sind aber eine Leistung haben, von der man sich vor wenigen Jahren nicht einmal hätte träumen lassen.«

»Stimmt auch wieder.«

»Zurück zu unserer eigenen Hardware, dem Gehirn. Gleichzeitig zu diesem Reduktionsprozess passiert dort auch ein Zuordnungsprozess. Das Gehirn versucht die Informationen, die es wahrnimmt auf eine gewisse Art für das Ego plausibel zu machen, ihnen Sinn zu geben. Dabei sucht es nach bereits vorhandenen Referenzen aus früheren Erfahrungen. Je nachdem, ob es solche Referenzen findet oder nicht, und basierend auf dem Kontext, auf dem die Wahrnehmung erfolgte, interpretiert es selbige dann.«

»Gut. In diesem Zuordnungsprozess findet dann also die Zuweisung auf Basis früherer Erfahrungen statt. Wenn ich kurz angebunden bin und mein Gegenüber nur Vorerfahrungen mit Menschen hatte, die kurz angebunden waren und dabei auch unfreundlich sprachen, besteht die Chance, dass ich, sobald ich selbst kurz angebunden zu dieser Person spreche, auch als unfreundlich taxiert werde.«

»Ja, schon möglich. Daraus können wir leicht sehen, wie schnell es im täglichen Leben zu Missverständnissen kommen kann. Denn das Problem bei dieser Sinngebung besteht darin, dass sie ebenfalls unbewusst stattfindet. Das heißt, jedes Mal wenn wir mit jemandem sprechen, suggeriert uns unsere Wahrnehmungsfunktion für alles, was uns umgibt, permanent subjektiv aufgelöste Bilder. Das passiert, ob man will oder nicht. Das ist eine Funktion, die man nicht, oder höchstens mit sehr konsequenter Übung über einen sehr langen Zeitraum, abstellen kann.«

»Wir gehen aber für gewöhnlich davon aus, dass wir von unserem Gehirn ein Bild der Welt da draußen geliefert bekommen, wie sie objektiv betrachtet ist.«

»Genau. Und spätestens seit Heisenberg wissen wir, dass uns diese Objektivität nicht mehr gegeben ist. Vielmehr entsteht die Welt in jedem Gespräch aufs Neue.«

Ich hatte das Gefühl, Mira verstand, worum es bei der Auswertung der Übung ging und so entließ ich sie mit ihrer neuen Aufgabe.

Die hermeneutische Integration

»Mira, du hast dir eine wunderbare und große Aufgabe ausgesucht. Du wirst bald die Rückmeldungen deiner Suche nach Indizien zurückbekommen und daran gehen, deine Beschreibungen zu erstellen. Eine letzte Frage bleibt mir noch zu stellen.«

Mira schaute mich geduldig an.

»Die wäre?«

»Was wirst du in den nächsten 24 Stunden tun, um deinem Ziel einen ersten Schritt näher zu kommen?«

Mira dachte nur kurz nach. Es schien mir, als musste sie die Antwort nicht überlegen, sondern nur abrufen.

»Ich habe dieses Wochenende eine ganze Menge Dinge durch meinen Kopf wandern gehabt. Punktuell gibt es Ideen, was ich tun könnte. Angeregt durch deine Ausführungen will ich einige Bücher lesen und gewisse Inhalte vertiefen. Aber noch bevor ich diese schönen Landschaft hier verlasse und wieder zurück nach Wien fahre, werde ich versuchen, all die Dinge, über die wir die letzten zwei Tage gesprochen haben zusammenzufassen und ein erstes Brainstorming zu meiner neu gefundenen Aufgabe erstellen.«

»Schön. Dann gebe ich dir noch einen Leitsatz mit auf deinen Weg: Der Hauptsinn unseres Lebens besteht darin, zu entdecken, wer wir wirklich sind, unser wahres Selbst zu finden. Das erreichen wir durch bedeutsame Beiträge, die wir durch den Einsatz aller unserer natürlichen Talente und Fähigkeiten leisten. Wir müssen etwas geben. Wir können dies erreichen, indem wir die Meisterschaft4 über uns selbst erlangen – über unser Denken und unser äußeres Verhalten – und damit über unser Leben. Je größer unser Beitrag ist, umso größer wird die Belohnung ausfallen. Ein Maßstab für unseren Beitrag ist auch das Geld. Es ist ein Maß dafür, wie gut wir unseren Platz im Dienen der Menschheit gefunden haben.«

  1. In der Einladung zur Heldenreise versuche ich Mira an eine große Denkweise heranzuführen. Um ein Ziel zu finden, eines das einen wirklich für einige Zeit selbst motiviert, wird es notwendig, in einem großen Bogen auszuholen. In Zeiten, wo überall die zittrigen Controller den Rotstift in der Hand haben, sind solche Gedanken einer breiten Masse fern.

  2. Ein Technology Evangelist ist ein Mensch, dessen Aufgabe es ist, neue Technologie unter die Leute zu bringen. Meistens ist er für diese Aufgabe in einem Unternehmen tätig, in den letzten Jahren versuchen sich auch viele Startups und einzelne Dienstleister im Dunst von Open Source in diesem Metier. Josef Broukal passt ein wenig in das Berufsbild eines Technology Evangelist. Er moderiert im ORF das High-Tech-Magazin Modern Times, in dem er Technologie anschaulich aufbereitet und einem breiten Publikum präsentiert. Erfinder dieses Berufes ist Guy Kawasaki, der in den 80er Jahren bei Apple dafür verantwortlich war, Firmen und Programmierer für den Macintosh zu begeistern. In seinem Buch The Macintosh Way beschreibt er, wie er von einer Schule für das Evangelium zum Technologie Evangelisten kam.

  3. Der Wahrnehmungstrichter veranschaulicht die neueren Untersuchungen der Bewusstseinsforschung, demzufolge unser Gehirn im Zusammenhang mit unserem Sinnessystem wie ein Trichter oder Sieb funktioniert.

  4. Walter Staples hat ein sehr hilfreiches Buch mit dem Titel Personal Coaching in Action geschrieben. Er erläutert darin Erfolgsgesetze und unterstützt seine Leser mit sehr hilfreichen Glaubensgrundlagen. Hier ein sehr kurzer Auszug:

    1. Gewinner werden gemacht, nicht geboren.
    2. Die wichtigste Kraft in unserer Existenz sind die Gedanken, mit denen wir uns täglich beschäftigen.
    3. Wir haben die Macht, uns unsere Wirklichkeit selbst zu erschaffen -- wer wir sind und in welcher Welt wir leben.
    4. Jede Notsituation hat auch ihr Gutes.
    5. Die einzigen wirklichen Beschränkungen unserer Leistungsfähigkeit sind die, die wir uns selbst auferlegen.