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Im tiefsten Inneren des Menschen finden wir nicht das Es [die animalische Natur des Menschen], sondern den Anderen. nach T. Mikhail Bahktin

Die nächste Einheit folgte schon nach drei Tagen. Mira hatte mich per E-Mail um einen eingeschobenen Termin gebeten. Sie hatte Probleme, mit denen sie nicht alleine fertig wurde. Also hatten wir uns telefonisch verabredet.

»Mira, was können wir in diesem Gespräch heute erreichen?« fragte ich sie als erstes, nachdem wir uns begrüßt hatten.

»Mhm. Das kann ich dir im Augenblick nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich mit deinem Persönlichkeitsurlaub begonnen habe. Gleich am selben Tag noch, zu Hause in meiner Wohnung. Und es ist nicht so gut gelaufen, wie ich mir das nach unserem letzten Gespräch erwartet hatte.«

»Ok, sollen wir über die Ergebnisse deiner Bemühungen sprechen?«

»Ja, natürlich, das wäre schon gut. Wieso fragst du?«

»Ich versuche nur deine Aufmerksamkeit ein wenig auf das mögliche Ergebnis dieses Telefongespräches zu lenken. Ich möchte, das wir unser beider Zeit optimal nutzen. Das können wir am besten, indem wir uns ein Ziel für dieses Gespräch vereinbaren.«

»Ok, ich sehe schon, einfach nur so plaudern ist bei dir nicht drinnen«, Mira klang ein wenig enttäuscht.

»Oh ja, das ist schon drinnen, aber ich versuche, trotz des legeren Settings doch den beruflichen Teil vom privaten zu trennen. In erster Linie deute ich deinen Anruf als Aufruf zu Unterstützung. Wenn wir zum Ende hin auch ein wenig klatschen, wird mich das ganz besonders freuen.«

»Aha, verstehe. Finde ich auch ganz gut so. Danke.«

Sie holte tief Luft und begann mit ihren Ausführungen.

»Also ich bin wie gesagt nach Hause, habe sofort mein Handy abgeschalten und mich vor meinen Laptop gesetzt. Ich begann gleich mit einem meiner großartigen Tage und wie ich so schreibe, bemerke ich plötzlich, dass ich an diesem Tag ein vollkommen anderer Mensch war, als ich es sonst im Alltag bin.«

»Das konntest Du gleich an dem, was du da geschrieben hast erkennen?« fragte ich gleich nach.

»Ja, das war ganz eindeutig. Schau, an diesem Tag, es war in Kiew, und ich hatte gerade meinen ersten Abend als Inspizientin in unserem Schülertheater erfolgreich hinter mich gebracht. Wir waren damals in der Abiturientenklasse. Als Abschlussaufgabe im Russisch-Unterricht wollten wir eine Erzählung von Alexander Sergejewitsch Puschkin, Pique Dame so bearbeiten, dass daraus ein Theaterstück würde. Keine leichte Aufgabe. Jedenfalls ist es uns gelungen. Rein textlich war das aus heutiger Sicht betrachtet keine großartige Leistung. Aber immerhin haben wir im Team gearbeitet und ein eigenes Theaterstück auf die Beine gestellt.«

»Aha.«

»Wie du dir sicherlich vorstellen kannst hatten wir alle Hände voll zu tun. Der Text musste von den Darstellerinnen gelernt werden, wir waren in einer reinen Mädchenklasse, und es musste auch alles rund um die Bühne organisiert werden. Die Requisiten, das Licht, die Bühnenbilder und dergleichen. Da kommt schon einiges an Organisation zusammen. Wie auch immer.

Wir haben das Stück dann in der Aula unserer Schule aufgeführt und dieser Abend ist einer jener Abende, den ich nie vergessen werde.«

Ich war sehr neugierig geworden. Natürlich wusste ich, dass Mira Oper liebte. Sie hatte mir schon früher davon erzählt. Dass sie aber auch eine aktive künstlerische Ader hatte, hätte ich bei ihr nicht vermutet. Ich erlebte sie selbst immer relativ gerade heraus.

»Eigentlich lag meine interessante Tätigkeit zum Zeitpunkt der Aufführung schon hinter mir. So dachte ich zumindest damals. Aber als ich dann diesen Abend begann niederzuschreiben, da zeigte mir meine Erinnerung ein vollkommen anderes Bild.

Wir waren alle sehr aufgeregt. Unsere Eltern saßen im Publikum und jede Menge Bekannte, Freunde und Lehrer saßen bei ihnen. Ich hatte während der Probenzeit die Aufgabe der Regieassistenz übernommen und kannte mich daher sehr gut mit dem Stück aus. Die Notizen zu allen Regieanweisungen fanden sich in meinem Manuskript und als ich dann so in meine Rolle des Abend schlüpfte und eine Stunde vor Beginn der Vorstellung den Schauspielerinnen das erste Zeichen vor dem Auftritt gab, da wurde mir bewusst dass es in meinen Händen lag, was an diesem Abend passieren würde. Mit einem Mal wurde mir klar, welche Verantwortung ich an diesem Abend zu tragen hatte und mein Herz begann wie wild zu schlagen.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen.«

»Zum Glück stand zu diesem Zeitpunkt meine beste Freundin, Karina, neben mir und unterstützte mich mit wohlmeinenden Worten. Gemeinsam gingen wir noch einmal alle wichtigen Übergänge durch und als ich feststellte, dass ich genau Bescheid wusste, wurde ich ruhiger.

Als dann fünfzehn Minuten vor Beginn der Vorstellung die Türen zum Saal geöffnet wurden, fiel mir kurz das Herz in die Hose, als ich erste Zuschauerstimmen aus dem Publikum vernehmen konnte. Doch das war nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als sich der Saal dann langsam zu füllen begann, wurde ich immer sicherer und freute mich auf den Abend.

Fünf Minuten vor Beginn der Aufführung gab ich dann das dritte und letzte Zeichen. Der Saal war voll, das Publikum hörbar gut gelaunt. Um punkt acht Uhr dann ließ ich das Licht im Saal dimmen und wie auf Druck des fade out Schalters bei meinen CD-Player wurden die Stimmen aus dem Saal immer leiser, jedoch ohne ganz zu verstummen.«

Mira machte eine kurze Pause, wie um zu überprüfen, ob ich noch dran wäre.

»Ich bin noch da, bin schon ganz gespannt darauf, wie es weiter geht«, füllte ich die entstandene Pause.

»Und dann begann das Stück. Also eigentlich sollte ich ja sagen, dann begann der Zauber. Ok, dann begann die Arbeit.

Ich schaltete die Vorhangbeleuchtung ein, das Publikum verstummte augenblicklich und da war dann dieses innere Gefühl noch mit dem Öffnen des Vorhangs zu warten. Ich wusste eigentlich nicht genau, was ich da tat, aber irgendetwas in mir hatte einfach die Kontrolle übernommen. Ich wartete, das Publikum wartete und die Spannung wurde immer größer. Karina, die noch immer neben mir stand beschrieb mir später, dass es einfach großartig war. Man hätte im Zuschauerraum eine Stecknadel fallen hören können, aber es fiel zum Glück keine.

Und dann, wieder ohne irgendein äußeres Zeichen, begann ich vollkommen intuitiv den Vorhang zu heben. Das Licht hinter der Bühne war schon an und der Abend lief von diesem Moment an wie geschmiert.«

Da Mira keine Anstalten machte, weiter zu erzählen, fragte ich sie, ob es das gewesen sei.

»Ja, das ist das großartigste Erlebnis aus meiner Schulzeit. Ich war damals 19 Jahre alt und dachte, ich würde am liebsten Regie zu studieren beginnen.«

»Regie, sicher ein sehr interessantes Studium. Was hat dich an diesem Thema so stark interessiert?«

»Ach, das kann ich dir nicht so einfach sagen. Lass mich einmal überlegen.«

Jedes Mal, wenn Mira in sich ging, um nachzudenken oder sich in ihrer Haltung von etwas zu distanzieren, machte sie das mit einem kurzen, skandiertem zweischlägigen Lachen. Als ich dies vernahm, konnte ich mir obwohl wir nur miteinander telefonierten und ich sie nicht sehen konnte gut vorstellen, wie sich Miras Blick nun nach innen richtete und sie nach einer Antwort auf meine Frage suchte.

Nach einiger Zeit dann kam diese Antwort dann, mit deutlich verändertem Ausdruck in Ihrer Stimme. »Eigentlich war mir mein Interesse damals gar nicht bewusst. Ich war erst 19 und das war meine erste richtige Auseinandersetzung mit dem Thema Theater. Vielleicht war der Grund auch einfach der, dass ich noch nie mit Menschen aus dieser Welt zu tun hatte. Die Regie wurde von einer Studentin der Kiewer Hochschule für Bühnenkunst gemacht. Diese junge Frau war so vollkommen anders, als all die anderen Frauen, mit denen ich sonst so im Alltag zu tun hatte. Sie war einfühlsam, offen und doch direkt und auf eine ganz bestimmte Art sehr herzlich. Meine Klassenkameradinnen lebten in den Proben richtig auf.«

»Eine sehr schöne Erinnerung an diese Frau.«

»Ja, ich vermute das war der Grund, warum ich mir in diesen Tagen dachte, Regie muss ein tolles Studium sein. Jetzt wo du mich fragst, fällt mir auch ein, dass wir einige Male in den Pausen zusammengesessen sind, um noch Einzelheiten zum Stück zu besprechen. Und einmal hat sie mich dann auch gefragt, was ich denn mit meiner Zukunft anfangen wolle. Komischerweise habe ich dann nichts von meiner Begeisterung erzählt, sondern ihr nur gesagt, dass ich mit meinen Eltern schon übereingekommen wäre, ein Informatikstudium zu beginnen.«

»Interessant.«

»Sie fand das damals sehr schade. Sie meinte ich hätte Talent, verfügte über eine hohe soziale Kompetenz und sie könnte da eine Begeisterung in mir für das Thema wahrnehmen.«

»Was hast du darauf gesagt?«

»Oh, als sie das sagte, spürte ich Schmetterlinge im Bauch aufsteigen. Vermutlich wurde ich auch ein wenig rot. Ich war damals noch ziemlich schüchtern. Ich konnte mich aber rasch fassen und bestätigte ihr, dass die Zusammenarbeit mit ihr die interessanteste Zeit meines Lebens sei, dass ich mir aber nicht vorstellen könnte, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen.«

»Was hat sie daraufhin gesagt?«

»Ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern. Ich glaube sie sagte gar nichts, sondern schwieg. Nach einigen Augenblicken haben wir dann einfach weiter an unserem Theaterstück gearbeitet.«

»Verstehe, und wie ist es dir nach diesem Gespräch gegangen?«

»Ich glaube, ich habe das Gespräch sofort als wir wieder an Puschkin zu arbeiten begannen, vergessen.«

»Ok. Deiner Erzählung zufolge muss das ein einzigartiger Abend gewesen sein, wie auch die Zeit davor, als ihr dieses selbst geschriebene Stück einstudiert habt, für dich eine sehr bewegende und wertvolle Zeit gewesen zu sein scheint.«

»Ja, das war es.«

»Gut Mira. Dann danke ich dir dafür, dass du diese bewegende Geschichte mit mir geteilt hast und frage dich noch einmal, wofür wir dieses Telefongespräch heute nutzen wollen.«

»Oh, jetzt kann ich dir darauf sofort eine Antwort geben.«

»Nämlich welche?«

»Wenn ich diesen Tag mit den Tagen meines heutigen Lebens vergleiche, dann ist da überhaupt nichts von dieser Freude da, von der Spannung, von dem gesamten Lebensgefühl. Heute sind meine Tage linear strukturiert und langweilig. Ich denke hier passt gut dieses Vokabel von dir, es ist alles Routine

»Aha, verstehe. Und was bedeutet das für unser Telefongespräch?«

»Mensch, du lässt aber auch nicht locker«, sie überlegte kurz und sagte dann, »Also am besten wäre es, wenn ich nach dem Gespräch weiß, was ich in Zukunft tun kann, damit es mir in meinem Alltag besser geht.«

»Ok, ein großer Auftrag. Wir werden sehen, wohin wir kommen. Wir werden gemeinsam versuchen herauszufinden, was du tun kannst, damit es dir in deinem Alltag besser geht.«

»Genau. Hier einmal meine aktuelle Situation: Als wir uns getroffen haben und du mir von dieser Übung mit dem Persönlichkeitsurlaub erzählt hast, da dachte ich, Au fein, das klingt nach Spaß, aber jetzt, wo ich die gemacht habe, bin ich plötzlich sehr unzufrieden mit meinem Leben. Ich will es so eigentlich schon nicht mehr, nur dass ich vorher halt ein undefiniertes Gefühl von Unzufriedenheit hatte. Jetzt bin ich aber fast ein wenig zornig darüber, in der IT-Branche tätig zu sein. Es ödet mich an, die Menschen, die Computer, einfach alles.«

Mira war aufgebracht. Sie haderte mit sich selbst und beklagte ihre Vergangenheit. Hätte sie heute eine Entscheidung treffen müssen, dann wäre die sicherlich anders ausgefallen als damals. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, fuhr sie fort, »In diesen zwei Monaten an der Schule, das war es eigentlich. Warum bin ich damals nicht auf die Hochschule gegangen? Ich verstehe es einfach nicht.«

»Mira, Entscheidungen müssen getroffen werden. Du warst damals 19 Jahre alt und hast für dich so entschieden, wie es damals für dich am schlüssigsten war.«

»Pah, das sehe ich anders. Meine Eltern meinten, ich solle einen Beruf erlernen, der mich ernähren könne. Ich wollte eigentlich nie wirklich in die Informatik.«

»Aha, sehr interessant. Hattest du mit deinen Eltern ein Gespräch über die dir zur Verfügung stehenden Optionen für ein Studium geführt?«

Mira wurde still. Sie dachte erst einige Zeit darüber nach, bevor sie mir eine Antwort geben konnte. »So wie du mich jetzt fragst, muss ich die Frage verneinen. Wir hatten schon als ich 15 wurde und in die Oberschulstufe kam damit aufgehört richtig miteinander zu sprechen. Eigentlich stand ja nur eine Frage wirklich zur Diskussion, wollte ich studieren oder nicht. Da ich mit dem Abschluss am pädagogischen College bereits über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügte, war das die einzige Frage, die Relevanz hatte.«

»Klar. Darf ich dich fragen, wer dein Informatikstudium finanziert hat?«

»Ja, das waren meine Eltern.«

»Man könnte also auch sagen, dass deine Eltern dir entgegengekommen sind, als sie einwilligten, dass du nach absolviertem College auch noch eine universitäre Ausbildung machst.«

»Na ja, so kann man das schon auch sehen.«

»Deine Eltern haben sich also sehr stark für dich engagiert und dir dieses Studium in Kiew zermöglicht.«

»Eigentlich hast du recht, es war meine Entscheidung und ich bin ihnen dankbar, dass sie mir diesen Schritt ermöglicht haben.« Miras Worte verklangen nachdenklich im dumpfen Rauschen der Telefonleitung.

»Wenn wir jetzt deine Eltern einmal beiseite lassen, was hat es dir denn gebracht, eine Informatikausbildung zu bekommen?«

»Mhm.« Ich konnte förmlich hören, wie Mira jetzt noch intensiver mit dem Nachdenken begann. Es dauerte einige Sekunden, bis sie wieder zu sprechen begann.

»Bei genauerem Hinsehen gibt es schon so einiges. Ich habe sehr viel Abwechslung in meinem Leben. Durch die Projekttätigkeit bin ich viel unterwegs. Und das gefällt mir sehr gut.« Sie wurde wieder still und setzte nach einigen Augenblicken erneut an.

»Ich glaube, ich verstehe die Frage nicht ganz. Was meinst du mit, was hat es mir gebracht?«

»Tut mir Leid, ich habe mich wohl unverständlich ausgedrückt. Was ich wissen wollte ist, was dir dein Informatikstudium in deinem Leben bisher ermöglicht hat.«

»Aha, ja, klar. Am offensichtlichsten ist, dass ich hier in Österreich sein kann und nicht mehr zu Hause in Kiew bin.«

»Gut. Gibt es noch etwas?« unterbrach ich Mira gleich.

»Oh ja, eine ganze Menge.«

»Schön.

Mira, du hast früher gesagt, du seist sehr unzufrieden mit dem, was du jetzt tust und würdest am liebsten zurück in diese Zeit, wo ihr an der Schule dieses Theaterprojekt gemacht habt.«

»Oh ja!«

»Ich würde dir gerne eine sehr eigenartige Frage stellen, bin mir aber nicht sicher, ob das jetzt der geeignete Augenblick ist.«

»Nur zu«, nahm Mira spontan mein Angebot an.

»Ok. Dann möchte ich dich bitten, dass du dich jetzt einmal so gut es mit einem Telefonhörer am Ohr geht entspannst.«

»Ok.«

»Vielleicht machst du auch deine Augen zu.«

»Ok.«

Ich machte einen tiefen Atemzug, wie um Mira damit verdeutlichen zu wollen, dass es jetzt los geht.

»Mira, stell dir vor, heute Nacht, während du schläfst, …ähm … geschieht ein Wunder1, und die Probleme, die Wurzeln deiner Unzufriedenheit, die dich den Telefonhörer in die Hand nehmen haben lassen und dich veranlasst haben bei mir anzurufen, sind plötzlich gelöst. Aber da du geschlafen hast, können wir nicht wissen, dass dieses Wunder geschehen ist. Wie entdeckst du, dass ein Wunder geschehen ist, wenn du am nächsten Morgen aufwachst?«

Mira hatte aufmerksam zugehört. Nachdem ich zu Ende gesprochen hatte lauschte sie immer noch. Und als sie bemerkte, dass da nichts mehr kam, reagierte sie prompt, »Ein Wunder?«

Ich blieb ruhig und sagte kein Wort, keine Bestätigung, keine Ergänzung, kein Wort kam über meine Lippen. Ich wartete einfach auf ihre Antwort. Und es schien mir wie eine Ewigkeit vorzukommen, bis Mira mit einer Antwort aufwarten konnte.

»Mhm. Gar nicht so einfach, deine Frage.«

Sie druckste am Telefon herum, begann einige Male zu sprechen, unterbrach sich aber selbst jedes Mal wieder nach ein, zwei Worten. Schließlich schien sie sich wirklich in den Morgen nach dem Wunder hineinversetzt zu haben und dann begann es zu sprudeln.

»Oho, ja, genau! Es ist morgen und ich habe kaum genügend Zeit mein Frühstück zu genießen. Eigentlich bin ich schon vor dem Wecker um fünf Uhr munter geworden… und es passiert heute irgendetwas… irgendetwas großartiges, weil ich bin heute… dran… irgendetwas ist heute zu tun und ich bin verantwortlich… nein in einer Situation, wo jemand anders…nein ich mache eine Präsentation… jemand anders präsentiert heute unser Projekt… das Team hat gut gearbeitet, die Vorbereitung passt…und der Vorstand ist anwesend… weil wir diese Präsentation haben…es ist so früh, ich bin aufgewacht, weil ich dachte den Wecker überhört zu haben, dabei ist es erst fünf Uhr und die Stadt schläft noch.«

Abrupt hielt sie inne, hielt den Atem an und begann plötzlich vollkommen gefasst zu sprechen. Der neue Ton erschreckte mich beinahe ein wenig.

»Ich bin sehr ruhig. Es ist eine eigenartige Ruhe. Aber diese Ruhe hat eine enorme Kraft. Es ist so, als ob ich die Fäden für ein großes Projekt in meinen Händen halte, so wie ein Kutscher die Zügel für eine doppelspannige Kutsche in seinen kräftigen Händen hält. Oh ja, ich fühle mich sehr stark. Und es ist ein erhabenes Gefühl.«

Sie hielt kurz inne, jedoch bevor ich eine Frage dazwischen schieben konnte hatte sie schon wieder mit dem Sprechen begonnen.

»Und es gibt noch etwas, woran ich erkenne, dass ein Wunder passiert sein muss. Ich freue mich auf meine Arbeit.«

Mira bewegte sich gut hörbar am anderen Ende der Leitung. Es krachte und kratschte in der Leitung. Ich musste für einen Augenblick meinen Hörer vom Ohr nehmen.

»Ja, ich freue mich auf meine Arbeit.«

»Ja?«

»Oh ja! Ich freue mich, weil ich inzwischen eine Projektleitung in einem Projekt übernehmen durfte. Ich bin jetzt nicht mehr die kleine Mira, der niemand mehr zuhört, sondern eine selbstbewusste Mira, die ein kleines Projektteam führt. Ja, genau. Und wir haben so viel Spaß bei der Arbeit. Es ist so ganz anders, als ich es von meinem jetzigen Alltag her kenne.«

Fäden, die die Welt zusammenhalten

»Aha, du führst dein eigenes Projektteam. Woran werden dann deine Freunde merken, dass ein Wunder geschehen ist, ohne dass du es ihnen sagst?«

»Na das ist doch sonnenklar. Die werden sagen, die Mira ist aber heute gut drauf. Sie werden sagen, ich sprühe nur so von Energie. Sie werden sagen, dass sie sich für mich freuen. Sie machen sich nämlich schon seit einiger Zeit ein wenig Sorgen um mich.«

»Aha. Aber bleiben wir noch bei diesem Wunder, Mira. Wer wird denn noch bemerken, dass dieses Wunder geschehen ist

»Einen Moment noch. Diese Präsentation, wo findet die statt … da ist auch der Vorstand mit von der Partie … ha! Ich hab’s. Mir ist zwar noch nicht klar, wie meine berufliche Situation jetzt genau aussieht, aber ich bin definitiv bei einer Präsentation anwesend, die ich gemeinsam mit meinem Team ausgearbeitet habe. Es handelt sich dabei um eine Zusammenfassung eines Projektes, das hinter uns liegt. Und zwar geht es jetzt darum, das Thema weiter auszurollen auf andere Unternehmensbereiche.«

»Kannst du die Personen, die da bei dieser Präsentation anwesend sind, mit ihren Berufstiteln benennen?«

»Ja, das kann ich. Es sind Berater von unterschiedlichen an einem Projekt beteiligten Unternehmen. In der Funktion sind es Entwickler, Teamführer und Projektleiter. Auf der anderen Seite sitzt der Vorstand des Unternehmens, für den wir dieses Projekt gemacht haben.«

»Ok, dein Team präsentiert vor einem Vorstand. In welcher Branche?«

»Software-Entwicklung.«

»Software-Entwicklung, sehr interessant.«

»Ja, nicht?

»Wo sind diese Menschen, die eurer Präsentation lauschen? Ich meine jetzt geographisch gesehen.«

»Ähm, Moment. Nein, das ist doch … nicht wirklich. Das kann nicht sein.«

»Was?«

»Ich will das nicht so. Aber in diesem Wunder, da bin ich nicht mehr hier in Wien, sondern in …« Sie hielt abermals abrupt inne.

»Wo ist das?« versuchte ich noch einmal den Faden weiter zu knüpfen.

»Ist es schlimm, wenn ich das jetzt nicht sagen will?«

Miras Stimmung hatte sich ein klein wenig verschoben. Sie klang jetzt ein wenig melancholisch.

»Nein, ganz und gar nicht. Ich möchte dich nur bitten, dass du es dir verinnerlichst. Es geht ja schließlich in diesem Gespräch ausschließlich um dich. Ich bin hier hauptsächlich für die Fragen zuständig. Also merke dir einfach, was du dir auf diese Frage im Augenblick vorstellst…

Ich wartete einen Augenblick. Als ich das Gefühl hatte, dass Mira ihre Vorstellung verinnerlicht hatte, ging ich zur nächsten Frage über.

»Mit welchen Problemen deiner Mitmenschen beschäftigst du dich?«

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

»Ich optimiere den Entwicklungsprozess dieser Unternehmen.«

»Na, das klingt ja sehr konkret. Meine Frage zielte auch auf die Probleme deiner Kunden ab. Wo hapert es denn konkret mit deren Entwicklungsprozess?«

»Richtig. Also zum Beispiel haben die das Problem, dass wahnsinnig viel Zeit in Projektbesprechungen liegen bleibt, weil alle Team-Mitglieder immer mündlich in diesen Meetings informiert werden. Wenn man die Zeit für Information und Diskussion bewertet, dann gehen rund 70 Prozent der Zeit für Information drauf und nur 30 Prozent dieser Meetings werden wirklich produktiv in Form von Diskussion und Lösungsfindung verwendet.«

»Jetzt bist du dort. Genau so etwas meinte ich. Mira, als Hausaufgabe möchte ich dir die Aufgabe mitgeben, noch ganz viele solcher konkreten Problembeschreibungen zu erstellen. Ich gehe jetzt nicht weitere darauf ein, sondern möchte dir gleich eine verwandte Frage zum Thema stellen.«

»Ja, gerne. Ich denke ich kenne mich so weit aus.«

»Wie schauen deine Lösungen zu diesen Problemen aus?«

»Oh, da kann ich dir eine ganze Liste mit Inhalten geben.«

»Gut, dann gehen wir hier gar nicht mehr weiter drauf ein. Ich habe das Gefühl, dass du weißt, worum es mir geht.

»Stell dir jetzt vor, du hast eine Liste mit den Problemen und eine Liste mit den Lösungen, die du dazu anbieten kannst. Könntest du diese Informationen in eine Verpackung stecken, eine nette Schachtel und eine Überschrift drübersetzen?«

»Puh, du hast Fragen. Warte einmal, das muss ich mir erst einmal vorstellen. Also eine Schachtel… ja… bunt… Überschrift … mhmmm … ok!

Entwicklungsberatung!« Es kam wie eine sanfte Explosion aus ihr herausgeschossen.

»Ok, für den ersten Wurf ganz gut. Könntest du versuchen ein Wort aus deinem Lösungskatalog mit einfließen zu lassen?«

»Wie meinst du das?«

»Zum Beispiel Agile Projekte.«

»Oh … mhmm … ja …« Mira dachte lange nach.

»Mir fällt im Augenblick nichts ein, aber ich denke, ich weiß in welche Richtung ich denken sollte.«

»Ok, dann gehen wir gleich zur nächsten Frage über: Auf welche unterschiedliche Arten würdest du damit deinen Kunden dienen?«

»Moment einmal, was machst du mit mir? Das ist total spannend! Es ist zwar alles nur ein Wunder, aber deine Fragen, die machen das ziemlich konkret. Ich kann mir im Augenblick wirklich vorstellen, so eine Schachtel zu produzieren. Ich tausche einfach für eine Woche den Toast gegen Cornflakes und wenn die Schachtel leer ist, mache ich einen bunten Einband drauf und setze meine Überschrift ganz dick und fett drüber.«

»Oh ja, mach das! Das macht dein Wunder mit Sicherheit einen Schritt realer. Und was gibst du in die Schachtel hinein?«

»Na da fällt mir sicher etwas ein. Schon seit Jahren schreibe ich Kleinigkeiten auf Notizzettel und in Blöcke zum Thema Entwicklung auf. Diese Materialien hätten dann endlich einmal ein einigermaßen repräsentatives zu Hause.«

»Hey, das bedeutet du hast bereits einen kleinen Fundus, auf den du zurückgreifen kannst. Sozusagen die Quintessenz aus, wie viele Jahre waren es jetzt noch, die du schon aktiv in unterschiedlichen Unternehmen Erfahrungen sammeln konntest?«

»Keine Ahnung. Aber ich werde das bis zu unserem nächsten Treffen recherchieren.«

»Gut so.«

»Dann möchte ich dich noch bitten, auch die folgende Frage mit zu überlegen: Welche Ergebnisse bringst du diesen Menschen?

Dabei geht es mir jetzt nicht so sehr um die Ergebnisse auf faktischer Ebene, um die werden wir uns noch ein anderes Mal kümmern, sondern um die weichen Faktoren, die deine Arbeit begleiten. Anders gefragt, welche Ergebnisse bringst du mit deiner Verpackung, bleiben wir für den Augenblick bei Entwicklungsberatung, auf der Ebene der Gefühle und Wahrnehmungen deiner Kunden?«

»Ok, mach ich. Aber Michael, wann machen wir Schluss? Ich bin schon ziemlich müde.«

»Oh, das ist gut so. Du hast sehr hart gearbeitet. Ich hätte noch zwei Fragen für dich übrig. Ich denke, die könnte ich dir auch per E-Mail senden.«

»Ja, irgendwie bin ich jetzt komplett geschafft, aber sehr glücklich.«

»Ich danke dir. Aber bevor ich dich in Ruhe lasse, habe ich eine noch allerletzte Frage: Hast du eine Ahnung davon bekommen, was du tun kannst, damit es dir in deinem Alltag besser geht?«

»Ich denke ja. Irgendwie haben wir in meinen Augen sogar noch mehr gefunden. Ich fühle mich sehr gut und es kommt mir so vor, als ob wir in meiner Vergangenheit einen großen Schatz gefunden haben. Und wir haben bereits begonnen ihn zu bergen. Danke.«

Ich konnte Miras Strahlen durch die Leitung spüren. Es kommt zwar nicht sehr oft vor, dass Menschen so auf ein Gespräch anspringen, aber das war eine der Qualitäten von Mira. Sie war spontan und natürlich und sie gab auch genau in dieser Art zurück. Das machte die Arbeit mit ihr auch für mich zu einem vollkommenen und befriedigendem Erlebnis.

Ach ja, bevor ich’s vergesse, die Fragen, die ich Mira gleich nach dem Ende unseres Telefonats per E-Mail zusandte lauteten: In welcher Form wirst du durch diese Betätigung am Leben deiner Kunden einzigartig? und Was könntest du möglichen Kunden anbieten, damit deren Risiko, mit dir in eine Geschäftsbeziehung zu treten, minimiert wird?

Kreis des Vertrauens2

Es vergingen drei Wochen, bevor ich mich mit Mira das nächste Mal in der Naturarena auf einen Spaziergang traf. Obwohl wir schon fortgeschrittenen November hatten, war das Wetter großartig und die Temperaturen luden förmlich dazu ein, die von Abgasen und Hausbrand belasteten Stadtlungen im Wald zu entlüften.

»Wie ist es dir die letzten Wochen ergangen?« brach ich nach etwas mehr als zehn Minuten, die wir wortlos durch den herbstlichen Wald gewandert waren, das Schweigen.

»Es ist erstaunlich, ich meine sehr gut. Einfach unglaublich.«

Ich hatte sie zu früh angesprochen. Ich hatte übersehen, dass ihr Blick noch nach innen gerichtet war. Sie schaute zwar die bunten Laubbäume an, die noch grünen Wiesen, den blauen Himmel. Aber ihre Aufmerksamkeit war noch mit etwas anderem beschäftigt.

»Wenn es dir recht ist, erzähle ich dir, was ich in der Zwischenzeit mit den Erkenntnissen unseres letzten Gesprächs angefangen habe.« Sie war stehen geblieben und schaute mich an.

Ich blieb auch stehen und sagte, »Gut, ich bin schon ziemlich gespannt. Und dann überlegen wir uns, wofür wir unseren heutigen Spaziergang nutzen wollen. Ich habe auch etwas für dich mitgebracht. Wenn du bereit dazu bist, würde ich gerne mit dir über eine weitere Übung sprechen, die dir dabei helfen kann, noch mehr Klarheit über deine Stellung in dieser Welt zu bekommen.«

»Oh, ja, das klingt spannend.«

Mit einer einladenden Geste begann ich den Weg vor uns zu beschreiten.

Mira hatte aufgeschlossen und begann zu sprechen. »Dieses Telefonat vor drei Wochen, das war für mich ein richtiger Wendepunkt. Ich meine, ich war danach so aufgekratzt, dass ich noch bis tief in die Nacht bei meinem Laptop gesessen bin und die Fragen aus dem Persönlichkeitsurlaub gemacht habe. Danach begann ich sogar damit, meine Kurzbiographie zu schreiben (Seite ). Aber irgendwann so gegen zwei Uhr war ich dann doch müde und fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf.«

Mira erzählte mir noch sehr lange davon, was sie alles getan hatte, zu welchen Überlegungen sie dadurch gekommen war und mein innerlicher Notizzettel drohte langsam aber sicher überzulaufen. Ich konnte sehen, wie glücklich sie allein mit der Arbeit an diesen wenigen Fragen war und freute mich mit ihr. Ich lobte sie für ihre Ausdauer, ich ermutigte sie, Punkte, die sie bisher noch ausgelassen hatte weiter zu verfolgen, ich bekräftigte sie in den Erkenntnissen, die sie gewonnen hatte.

Am erstaunlichsten für mich jedoch war, wie sich für Mira aus der Beschäftigung mit sich selbst automatisch ein kleines Ziel ergeben hatte. Nachdem sie damit begonnen hatte, ihre gesammelten Unterlagen zu sortieren, war sie noch einen Schritt weiter gegangen, als in unserem Gespräch damals am Telefon angedeutet und hatte sich einen Karteikartenkasten angeschafft, um die Informationen dort drinnen sammeln zu können. Sobald alles gesichtet und geordnet wäre, wollte Sie eine Präsentation für den Abteilungsleiter in ihrem Unternehmen vorbereiten.

Als Mira davon erzählte, wusste ich, dass sie nun bereit wäre für den nächsten Schritt. Ich holte behutsam aus, um sie in meine Richtung zu orientieren.

»Mira, was ich an dir besonders schätze ist, wie direkt sich mir deine Freude vermittelt. Es kommt so selten vor, dass man so deutlich wie bei dir sehen kann, dass sich jemand freut. Unsere Gesellschaft zieht es vor, Gefühle für sich zu behalten. Das Bild eines perfekten Erwachsenen ist das eines Pokerfaces, das ruhig und gelassen alles hinnimmt, egal ob Freude oder Leid, ob Ungerechtigkeit oder Motivation und das maximal eine zynische Bemerkung zwischen den Zähnen durchlässt. Und obwohl ich in den letzten Jahren bemerke, dass sich an dieser Front etwas tut und Menschen vermehrt damit beginnen, auch sichtbare Zeichen von sich zu geben, dass sie wirklich am Leben sind, sind wir noch weit davon entfernt, es so zu tun, wie ich es an dir sehen kann. Danke für dieses Beispiel.«

Mira wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Ich erwartete mir auch keine Antwort, sondern holte unmittelbar weiter aus. »Besonders verbreitet ist diese Sichtweise im Geschäftsleben. Abgesehen davon, dass wir den Erwerb von Einkommen sehr gewissenhaft vom Rest unseres Lebens abtrennen, gestatten wir uns im Beruf auch kaum menschliche Regungen. Es ist so, als ob wir in der Zeit, in der wir unser Geld verdienen – viele würden die Formulierung hart verdienen fordern – unser Menschsein ablegen, es irgendwo in einen Safe sperren, auf Eis legen oder sonstwo deponieren, wo der Andere, der Mitarbeiter, der Kunde, der Chef, es nicht sehen kann.«

»Das erlebe ich im deutschen Sprachraum auch sehr oft so.«

»Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir uns verstecken, nur damit unser Gegenüber nicht erahnen kann, wer wir sind. Wie um sich selbst damit bei dem Gedanken, Sie wissen ja nicht, wie ich in Wirklichkeit bin in Sicherheit zu wiegen. Sie verbergen akribisch alles, was in irgendeiner Form negativ, schlecht oder fehlerhaft sein könnte. Du wirst jetzt sagen, du zeigst auch nicht jedem Menschen deine dunkle Seite. Das ist schon richtig. Aber schau dir einmal die Welt da draußen an. Was tun Unternehmer und Unternehmen? Sie basteln sich unter hohem Kapitaleinsatz ein Image, eine Scheinwelt, auf. Eigentlich wollen sie es ihren Kunden erleichtern, mit ihnen in Verbindung zu treten. Was viele aber in meinen Augen mit ihrem Auftritt, den Hochglanzprospekten und den Bildern von Models auf ihren Werbeunterlagen erreichen, ist, dass sie zusätzliche Mauern aufbauen.«

»Warum glaubst du das? Ich meine es macht doch jeder so, soweit ich das beurteilen kann.«

»Ja, das stimmt schon. Aber nur weil es jeder so macht bedeutet es für mich noch lange nicht, dass es keine andere Möglichkeiten gibt.«

»Natürlich, das bedeutet es nicht. Aber welche Möglichkeit siehst du denn in diesem Zusammenhang?«

»Die Möglichkeit, die ich anbiete besteht darin, sich hinzusetzen und zu überlegen, wer die optimale Kundin3 für sein Unternehmen ist.«

»Moment, das geht mir jetzt um einiges zu schnell. Wozu brauche ich einen Kunden, ich bin doch angestellt.«

»Ja, richtig, das hätte ich beinahe vergessen.«

Ich schaute Mira kurz von der Seite an. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie eine Angestellte wäre. Ihre Aussagen waren getragen von einem Ausdruck der Unabhängigkeit, sie grenzte sich selbst sehr klar von Ihrer Umgebung ab und auch die Art und Weise, wie sie mit Ihrer Zeit umging, vermittelte mir eher ein Bild einer selbständig agierenden Frau.

»Spinnen wir doch den Gedanken mit Deiner Präsentation ein wenig weiter fort. Immerhin haben wir ja auch in unserem letzten Gespräch so etwas wie eine kleine Markterhebung hinter uns gebracht.«

»Ok, das stimmt. Und das Ergebnis daraus war, dass ich mich danach sehr gut fühlte. Was muss ich also tun, wenn ich in diese Richtung weiter denke?«

»Als erstes etwas sehr Angenehmes.«

Wir waren an einem Punkt mit malerischer Aussicht angekommen. Es gab dort einen umgestürzten Baum, der förmlich dazu einlud, sich darauf hinzusetzen. Mira schien es ebenso zu sehen und wir ließen uns auf dem dickeren Ende des Stammes nieder. Die Aussicht war einfach grandios. Man konnte das gesamte Tal überblicken.

»Ich bitte dich, dich selbst einmal als Unternehmerin wahrzunehmen. Genau das bist du nämlich in meinen Augen. Du bist eine Unternehmerin, die 40 Stunden pro Woche an persönlicher Zeit einer Idee, der Vision des Unternehmens für das du arbeitest, zur Verfügung stellst. Genau genommen bist du damit auch eine Dienstleisterin, die tun das auch, nur halt auf Basis eigener Visionen und mit der Aufgabe aktiv für Kunden zu sorgen.«

»Na ja, etwas extrem formuliert, im Grunde aber nachvollziehbar.«

»So weit so gut. Du als Unternehmerin hast Kunden, die du bedienst.«

»Moment… ja. Ich nehme an, du meinst meine Vorgesetzten und die Firmenchefs.«

»Genau die meine ich.«

»Ok. Und weiter?«

»Ich kann dich also als Lebensunternehmerin4 sehen.«

»Ok, alles klar.«

»Und da du soeben zur Unternehmerin geworden bist, möchte ich dich jetzt bitten, dir einmal vorzustellen, wie es an deinem neuen Arbeitsplatz aussieht. Du hast jetzt die Möglichkeit in deiner Zukunft sehr weit nach vorne zu sehen. Du hast bereits dein optimales Büro. So, wie du es dir vielleicht ohnehin bereits schon einmal vorgestellt oder gewünscht hast. Wie sieht das aus?«

Mira war noch etwas verdutzt. Aber sie hatte unmittelbar mit dem Entwickeln von Vorstellungen begonnen. Als ihr inneres Bild klarer wurde, begann sie unmittelbar von einem bis zum anderen Ohr zu grinsen.

»Ok, da sehe ich etwas Wunderschönes. Ich sehe eine kleine Hütte an einem Waldrand. Sie ist in den leichten Hang hineingebaut. Auf der Vorderfront besteht sie nur aus Glas, an den Seitenwänden ist sie aus Holz. Das Dach ist mit schönen roten Tonziegeln gedeckt und an der hinteren Wand sieht man einen Schornstein aufragen. Drinnen ist alles sehr einfach eingerichtet. Es gibt einen sehr großen Schreibtisch, der sauber aufgeräumt ist, an zwei Wänden ragen Bücherregale vom Boden bis direkt unter die Decke hoch und sind gefüllt mit Büchern. Und an der freien Seite steht ein Holzofen mit Sichtfenster.

Das schönste an diesem Büro ist sein Standort. Wenn ich am Schreibtisch sitze, dann sehe ich durch dir große Front direkt hinaus über ein Tal, so ähnlich wie wir hier von unserem Baum aus. Begrenzt wird meine Aussicht von Wald auf der einen Seite und einer Wiese auf der anderen. Jedes Mal, wenn ich von meiner Arbeit hoch blicke, kann ich mich bei diesem herrlichen Ausblick erholen und neue Energie für meine Arbeit schöpfen.« Mira schaute mich gespannt an.

»Wow, das ist ein schönes Bild. Da kann ich mir sehr gut vorstellen, wie ruhig und kraftvoll dieser Arbeitsplatz für dich sein muss.«

»Oh, ja.«

»Ok. Nachdem wir jetzt beide an diesem Arbeitsplatz sind, möchte ich dich bitten, dass du dir alle deine ehemaligen Arbeitgeber und Vorgesetzten vorstellst. Alle, denen du jemals mit deiner Dienstleistung geholfen hast.«

»Ok. Was soll ich mir da vorstellen?«

»Wie sie als Menschen gewesen sind. So wie du sie im Augenblick charakterisieren würdest.«

»Mhm… also Moment einmal… oh, da fällt mir schon etwas auf. Aber ob das passt… ich habe mich immer sehr stark auf das konzentriert, was von mir gefordert wurde. Wenn jemand von mir wollte, dass ich den Boden aufwische, dann habe ich den Boden aufgewischt. Wenn jemand wollte, dass ich ein Programm entwerfe, dann habe ich ein Programm entworfen. Wenn jemand gesagt hat, bring diesen Brief zur Post, dann bin ich gegangen und habe den Brief zur Post gebracht. Ich kann nicht so genau sagen, wo da der Kunde geblieben ist. Ich sehe in meinen Betätigungen keinen Kunden, nur den Chef. Der hat gesagt, was zu tun ist, und weil er am Monatsende die Kohle verteilte, habe ich das dann auch gemacht, was er verlangte.«

»Ok, verstehe. Dann versuchen wir’s einmal so: Für wen hast du gerne gearbeitet?«

»Das kann ich dir sagen: Am liebsten habe ich für meinen Chef in diesem Chemiekonzern in Kiew gearbeitet. Er war sehr freundlich, fast ein bisschen zuvorkommend. Zuerst habe ich gedacht, der hat es auf mich abgesehen. Ich wollte aber nichts von ihm wissen und habe mich sehr konsequent in die Arbeit vertieft, die er mir gegeben hat.«

»Mhm.«

»Ich denke das hat damals deshalb so gut funktioniert, weil er keine Ahnung davon hatte, was ich konkret in meiner Arbeit zu tun hatte. Ich programmierte für das Unternehmen eine Multiplexeranwendung, die gleichzeitig mehrere Messgeräte abfragte und das Ergebnis dann einem Großrechner übermittelte. Er sprach mit mir immer nur auf der Ebene der Lösung, nie auf der Ebene der Implementierung. Das war sehr angenehm für mich.«

»Ok, das bedeutet für mich, ein Aspekt deines optimalen Kunden ist, dass er dich als Experten in der Umsetzung sieht.«

»Ja, so könnte man das sagen.«

»Ich habe auch viel von ihm gelernt. Einmal sind wir in einer Besprechung zusammengesessen. Irgendetwas wollte einfach nicht so funktionieren, wie es sollte und er hat mich gebeten, dass ich ihm anhand eines Diagramms, das ich zeichnen sollte, erkläre, wie der Ablauf konzipiert ist. Als ich ihm das dann darlegte, gab er mir den Tipp, positiver zu denken. Ich hatte im Programm alle Fälle abgefangen, die schief gehen konnten, sehr akademisch, aber korrekt. Mein Problem war nur, dass ich mein Programm dadurch in Zustände bringen konnten, wo es nicht mehr weiter ging. Als ich ihm dann alles aufgezeichnet hatte meinte er einfach nur, ich solle doch einfach versuchen dem Programm den Lauf vorzugeben, so wie das Bachbett dem Bach sagt, wo er zu fließen hat und damit etwas positiver denken. Das Bild hat mich sehr beeindruckt. Ich konnte dem unmittelbar etwas abgewinnen und noch am selben Abend flutschte das Programm.«

»Eine sehr schöne Erinnerung. Dein optimaler Kunde ergänzt dich und teilt mit dir neue Sichtweisen, die du auch unmittelbar auf deine eigene Arbeit anwenden kannst.«

»Ja, genau.«

»Ok, Mira. Gibt es noch etwas an deinem optimalen Kunden, das du beobachten konntest?«

Im Laufe des Nachmittags erhoben wir noch einige Eigenschaften von Miras optimalem Kunden. Die Sonne war inzwischen verdächtig nahe zum Horizont herabgestiegen und wir machten uns auf den Rückweg.

»Wie geht es dir mit dieser Art der Konversation, die wir hier betreiben?«

»Sehr gut. Ich denke, ich habe begriffen, worauf du hinaus willst.«

»Ja?«

»Wir sind jetzt auf einige positive und einige negative Erfahrungen mit Kunden zu sprechen gekommen. Und wenn ich es mir recht überlege, dann bin ich den negativen Situationen immer relativ rasch entkommen.«

In unzähligen Gesprächen mit Männern und Frauen konnte ich feststellen, dass Frauen es scheinbar viel besser schaffen, sich abzugrenzen. Die meisten Frauen, mit denen ich gesprochen hatte, haben einen wesentlich gesünderen Umgang mit sich selbst und die Gabe Nein sagen zu können, zu Umständen, die ihnen nicht liegen scheinen sie von Geburt an mit in die Wiege gelegt zu bekommen.

»Ok, und?«

»Wenn ich mir in Hinblick auf meine Präsentation überlege, wer mein Zielpublikum ist, dann soll ich dafür das Bild meines optimalen Kunden hernehmen?«

»Wir haben die Wahl. Wir können auf einer sehr allgemeinen Ebene stehen bleiben und einfach nur versuchen, so viele Kunden wie möglich anzuziehen. Das führt dazu, dass wir uns mit einer ganzen Menge ungeeigneter Kunden auseinander setzen. Die brauchen für gewöhnlich aber wesentlich mehr Zeit von uns, als die optimalen Kunden.«

»Was über kurz oder lang dazu führen wird, das wir ausbrennen«, vollendete Mira meine Ausführungen.

»Ich sehe es so. Du musst an allen Ecken und Enden nachbessern, zusätzliche Leistungen erbringen, die du vielleicht gar nicht vorgesehen hattest und erntest im schlimmsten Fall noch Unverständnis. Irgendwann ist dein Tank dann leer.«

»Was schlägst du also vor, wenn man viele nicht optimale Kunden hat?«

»Ich empfehle, diesen Kunden zu kündigen. Im Normalfall weißt du ja auch, welche Vorlieben die haben. Du kannst sie also einfach bei der Hand nehmen und sie einem Kollegen von dir bringen, dem sie besser ins Konzept passen.«

»Das setzt aber voraus, dass ich meine Mitbewerber kenne.«

»Ich hoffe, du tust das. Es wäre ja beinahe unverantwortlich dir selbst gegenüber, wenn du nicht wüsstest, wer was in der Branche wie macht.«

Mira musste lachen. Ich hatte meine Darstellung mit weit ausholende Bewegungen unterstrichen. Das schien aus ihrer Perspektive etwas komisch auszusehen.

»Und was mache ich, wenn ich noch keine Kunden habe? Gebe ich mich dann auch mit nicht optimalen Kunden zufrieden?«

»Das hängt vermutlich von deiner finanziellen Gebarung ab. Aber solange es dir nur irgendwie möglich ist, empfehle ich, die freie Zeit zu nutzen, um deinen optimalen Kunden zu definieren, zu bestimmen, wo deine eigenen Grenzen liegen und dich um die großen Aufgaben zu kümmern.«

»Welche großen Aufgaben meinst du denn?«

»Ich denke, die lassen wir für den Augenblick einmal beiseite. Bevor du wieder in dein Hotel fährst möchte ich dich bitten, das Rezept beschreiben Sie Ihren optimalen Kunden auszuprobieren. Nimm dazu auch die Aufgaben aus dem Arbeitsbuch und setze dich heute Abend ausführlich mit diesen Fragen auseinander. Wir treffen uns dann morgen am Vormittag noch einmal. Dann will ich dir von diesen großen Aufgaben erzählen.«

»Kannst du mir nicht jetzt ein klein wenig davon verraten?« insistierte Mira, aber ich blieb verschlossen.

»Mira, ein Schritt nach dem anderen.«

Wir waren inzwischen am Parkplatz angekommen. Mira verabschiedete sich, stieg in ihren Wagen und fuhr davon. Ich blieb noch einige Zeit auf der Stelle stehen und dachte ausführlich darüber nach, wie lange es in meinem Leben gedauert hatte, bis ich endlich begriffen hatte, dass so viel von der Wahl der richtigen Kunden abhängt. Zu viele Male war ich einfach nur aufgebrochen, um weiterzukommen, anstatt mir ein für alle Mal zu überlegen, mit wem ich meine kostbare Zeit am liebsten verbringen wollte. Dabei scheint es doch so einfach zu sein. Im privaten Leben war ich immer schon wählerisch gewesen.

  1. Steve de Shazers Wunderfrage war das erste Coaching-Tool, das ich in meiner Coaching-Ausbildung kennen lernte. Damals war ich überrascht, vielleicht auch ein wenig perplex. Heute, nachdem ich mich mit dieser Frage und wie sie geeignet gestellt werden kann auseinandergesetzt habe, finde ich sie umwerfend. Steve de Shazer und Insoo Kim Berg haben diese Frage zig-tausende Male unterschiedlichen Klienten gestellt und ihre gesamte Lösungsorientierte Kurzzeittheraphie darauf basieren lassen.

  2. Der Titel des Abschnitts Circle of Trust bezieht sich auf die grandiose Komödie Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich, in der ein pensionierter CIA Agent, verkörpert von Robert De Niro, um seine Familie vor schlechtem Umgang zu schützen, einen Kreis des Vertrauens entwickelt hat. Der zukünftige Schwiegersohn, gespielt von Ben Stiller, befindet sich zwar, nach schwierigen Prüfungen, die er im ersten Teil Meine Braut, ihr Vater und ich erfolgreich bestehen konnte, innerhalb dieses Kreises, doch jetzt sollen die Schwiegereltern kennengelernt werden. Die Mutter des Schwiegersohnes, dargestellt von Barbra Streissand ist Sexualtherapeutin, der Vater, gestaltet von Dustin Hoffmann, ist Hausmann, eine Kombination, die mit der Wertehaltung der Brautvaters so ganz und gar nicht übereinstimmen will. Schwierigkeiten sind also vorprogrammiert. Der Film kulminiert, als der Vater der Braut dem Schwiegersohn ein Wahrheitsserum injiziert. Er beschuldigt ihn, seiner Tochter ein vermeintliches Kind aus einer Liaison mit der Haushälterin seiner Eltern vorenthalten zu haben. coram publico gesteht der Schwiegersohn etwas, das er gar nicht getan hat. Das Finale ist grandios. Ein köstlicher Film!

  3. Nachricht von der optimalen Kundin erhielt ich mehrfach. Mein Bruder, der seit Jahren erfolgreich eine Survival Schule betreibt, hatte von Anfang an nie das Bedürfnis, mit seinem Unternehmen großartig zu wachsen. Ihm war es wichtig, das zu tun, was er gerne tut. Jetzt nach beinahe zwei Jahrzehnten tut er es so gut, wie kein zweiter in Europa! Es geht ihm finanziell sehr gut und er führt ein Leben, um das ihn andere beneiden würden. Ihm war es immer wichtig, mit den Menschen zusammen zu sein, die seinen Weg schätzen. Und das ist ihm bis heute gelungen. Immer wenn sich jemand eingeschlichen hatte, der nicht zu seinen optimalen Kunden zählte, distanzierte er sich sehr rasch von ihm.
    Neu im Gabal Verlag erschienen ist ein Buch, das mir ein lieber Kunde von mir empfohlen hat, Stacey Hall und Jan Stringer, Das Leuchtturm-Prinzip, in dem in stringenter Darstellung ein Weg aufgezeigt wird, wie man selbst seine perfekten Kunden finden kann. Diese Ausführungen waren sehr befruchtend für den Dialog, den ich mit Mira in diesem Abschnitt führte.

  4. Den Begriff Lebensunternehmerin habe ich von Vera Brikenbihl übernommen. An die Quelle kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Sie geht damit auf einen Gedanken ein, den ich auch bei Robert Kyosaki, Der Cashflow Quadrant gefunden habe. Er geht in diesem Buch sogar so weit zu sagen, dass nur der wirklich einen sicheren Job hat, der es versteht, sich selbst mit Kunden zu versorgen, und das auch auf Basis einer selbständigen Tätigkeit tut. Sein Argument, jede Firma kann auch Pleite gehen. Was machen dann die Angestellten? In Österreich ist die Antwort leicht, da gehen sie in die Arbeitslose.