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lernen Sie sich selbst neu kennen

Als Mira dann das erste Mail von mir erhielt, war sie selbst ziemlich erfreut. Sie erzählte mir später, dass sie schon lange nicht mehr so viel Hoffnung in sich getragen hatte, wie in diesem Moment, als unsere Zusammenarbeit begann.

»Stimmt nicht ganz. Eigentlich war die Hoffnung schon da, als ich mich entschlossen hatte, wirklich etwas zu tun.«

»Was meinst Du mit wirklich?« fragte ich sie.

Wir waren inzwischen zum Du übergegangen. Mir gefiel bei meinen Aufenthalten in England und Amerika dieser legere Umgang untereinander sehr gut. Da ich selbst in einer eher steifen und obrigkeitshörigen Welt aufgewachsen bin, empfinde ich es immer wieder als sehr angenehm und für eine Konversation förderlich, wenn man sich von Anbeginn einer Beziehung an auf einem You, einem gemeinsamen Level treffen kann. Inzwischen haben mir Engländer bestätigt, dass es auch im Englischen einen gravierenden Unterschied zwischen You und You gibt. Die Aktzentuierung schafft die Bedeutung! Basis bleibt jedoch dieses gemeinsame Wort für Du und Sie. Da es im Deutschen nichts Entsprechendes in der Ansprache seines Gegenüber gibt, bevorzuge ich in meinen Kundenbeziehungen, ohne damit diesen Menschen weniger Ehrfurcht oder Achtung entgegen zu bringen, das Du.

»Na ja, damals in Heidelberg, ich habe dir doch schon davon erzählt,» sie wartete eine bestätigende Geste von mir ab und als sie sie zu vernehmen meinte, fuhr sie fort,»hatte ich mein erstes Buch über Coaching gekauft. Ich habe damit begonnen, die eine oder andere Sache, die darin beschrieben ist, auszuprobieren. Und ich hatte einige Erfolge zu verzeichnen. Was mir jedoch nicht so recht gelingen wollte ist, mich mir selbst gegenüber auf einen längeren Zeitraum zu verpflichten.«

»Wie äußerte sich das bei dir?«

»Nun, das war ganz einfach festzustellen. Also da war zum Beispiel diese Sache mit meiner eigenen Stimmung. An Tagen, an denen es mir gut oder sehr gut ging, da konnte ich auch immer wieder mit Erfolg die eine oder andere Übung direkt umsetzen. Wenn ich aber neutral oder gar schlecht drauf war, dann halfen mir auch die Übungen nichts. Dann war da einfach ein Knopf drinnen.«

»Noch etwas?«

»Ja schon. Nachdem ich einige Zeit mit dem Buch arbeitete, kam ich mir irgendwie wie ein schlechter Mensch vor. Ich meine, ich hatte in gewissen Belangen eine Härte entwickelt, die viele Menschen, mit denen ich vorher gut ausgekommen bin, vor mir zurückschrecken ließen.«

»Mhm. Wie konnte es dazu kommen?«

»Keine Ahnung. Ich vermute, ich verhielt mich wie so ein Strebertyp, der versucht alles genau so zu machen, wie es im Buch steht. Nur, damit es mir selbst gut geht. Aber die Wirkung wollte sich einfach nicht einstellen.«

»Aha, verstehe. Der Weg in die Praxis ist ohne Begleitung oft schwer zu machen. Hast du sonst noch etwas gemacht?«

»Oh, ja! Eine Zeit lang habe ich mir ja jedes Buch zu dem Thema gekauft und auch reingezogen. Aber das war es einfach nicht. Mit meinem Freund konnte ich über das, was ich da gelesen hatte, nicht reden. Der wollte davon schon gar nichts wissen. Der hat jetzt noch die größten Ängste, dass ich mich zu einer Psychotante entwickeln könnte.«

Sie musste lachen und drehte sich ein wenig zur Seite. Sie fixierte irgendeinen Punkt an der leeren Wand gegenüber. Es war, als würde sie dort an der Wand einen Film laufen sehen. Aber da war nichts.

Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort, »Vielleicht war ich einfach ein wenig alleine mit dem Thema. Ich meine jetzt, wo wir miteinander arbeiten, da kommt es mir so vor, als ob ich einen Mitstreiter hätte. Jemanden, der das auch lebt und der konsequent seinen Weg geht. Aber bei dir ist es so, dass die Menschen nicht davon rennen, wenn du redest. Ganz im Gegenteil, sie scheinen angezogen zu werden.«

»So siehst du das also?» Ich fühlte mich geschmeichelt.

»Ja, und was ich vor allem feststellen kann ist, dass ich durch jedes Gespräch in deiner Gegenwart bereichert werde. Ich meine da ist es zuerst einmal auf vollkommen abstrakter Ebene so, dass ich mich gut fühle, nachdem ich mit dir geredet habe. Dann führst du mich auch immer wieder zurück zum Thema. Ich verliere mich manchmal ganz gerne in irgendwelchen Nebensächlichkeiten und du bringst mich, ohne jedoch meine Gedanken abzuwürgen, wieder zurück zu dem, woran wir im Augenblick gerade arbeiten. Und mir ist aufgefallen, dass ich, seit wir zusammen arbeiten, schon einiges erreicht habe. Vor allem ein verbessertes Selbstwertgefühl. Ich fühle mich im Auftreten wesentlich sicherer, bringe mich wieder vermehrt in Meetings ein und man hört mir zu.«

Das war am Anfang unserer gemeinsamen Arbeit. Unser Vertrag war eine Woche nach unserem ersten Treffen im Palmenhaus relativ unspektakulär zustande gekommen. Mira sagte mir, dass sie im Leben weiterkommen möchte. Ich habe ihr daraufhin kurz von meinem Weg des Marketing über einen Personal Brand erzählt, die Entwicklung einer sichtbaren Persönlichkeit unter Coaching- und Marketing-Aspekten, was sie ziemlich faszinierte. Es schien für sie ein Weg zu sein, mit dem sie viele Fliegen auf einen Schlag erlegen konnte. Und es korrelierte mit ihrem – damaligen – Ziel der beruflichen Besserstellung.

Mein Paket bestand früher in einer einjährigen Verpflichtung. Es beinhaltete vier verlängerte Wochenend-Trainings und begleitendes Coaching auf Basis von Fokusgruppen-Meetings, E-Mail und Telefon, sowie Coachings in unserer Naturarena. Sobald wir die Formalitäten hinter uns gebracht hatten, begannen wir mit unserer gemeinsamen Arbeit.

Persönlichkeitsurlaub

»Jede Veränderung erfordert frei zur Verfügung stehende Energie. Wo diese Energie vorhanden ist, kann auch Veränderung stattfinden. Wo diese Energie nicht vorhanden ist, muss sie zuerst hergestellt werden, damit im Anschluss daran die gewünschte Veränderung erreicht werden kann.«

»Du redest von Veränderung. Welche Veränderung meinst Du?» fragte mich Mira ein wenig verwirrt.

»Ich komme noch zu dem Punkt, Mira. Bitte gib mir einen kleinen Aufmerksamkeitsvorschuss.

Wenn wir vor der großen Herausforderung stehen, über unsere Einzigartigkeit ein einträgliches und nachhaltiges Dienstleistungsangebot zu erstellen und zu vertreiben, dann brauchen wir zuerst einmal sehr viel persönliche Energie.

Es ist ja meistens so, dass wir zu dem Zeitpunkt, zu dem wir beschließen: ›Oh, ja genau, der Rest meines Lebens soll einem endlosen Urlaub gleichen‹, wir noch gar nicht genau sagen können, was wir in diesem Urlaub gerne tun würden, geschweige denn, die notwendigen Fertigkeiten aufweisen, um das auch glaubwürdig unserer Mitwelt verklickern zu können.«

»Ja aber hier geht es doch nicht darum, sein ganzes Leben lang Urlaub zu machen, sondern sich bestmöglich selbst zu vermarkten, oder?» schaute Mira mich ungläubig an.

»Ja, ja, du hast schon recht. Der Punkt ist, wenn wir mitten in unserem Alltag darüber nachzudenken beginnen, was wir am liebsten machen würden, dann antworten 90 Prozent der Befragten mit dem Wunsch nach einem Urlaub. Schau dir doch einmal die Menschen rund um dich herum an. Wie sehen die aus? Diejenigen, die gerade vom Urlaub zurückkommen und auch an der Sonne waren schauen ja einigermaßen gesund aus. Aber kannst du das auch von den Hiergebliebenen sagen? Ich würde meinen Kopf nicht darauf verwetten. Die meisten Menschen leben mit einem Tank, der notorisch leer ist. Die fahren mit der Nadel im Reservebereich herum. Und wenn sie einen extra Kilometer fahren müssen, dann kommt es schon vor, dass sie hängen bleiben. Schau dir doch einmal die Grippezahlen im Frühjahr und im Herbst an. Ganz zu schweigen von den Verkühlungen.«

»Ok, da muss ich dir zustimmen. Gesund sind wir alle nur dank Roché, Bayer und Novartis.» Mira war nun ganz bei der Sache.

»Eines der Probleme, die wir lösen müssen, bevor wir damit beginnen eine persönliche Marke aufzubauen ist, die zur Verfügung stehende persönliche Energie zu erhöhen. Dazu müssen wir die Routinen des Alltags1 unterbrechen und versuchen, in der Zeit, in der wir dann freie Energie zur Verfügung haben, neue Energielieferanten zu finden.«

»Was sind die Routinen des Alltags?» unterbrach Mira mich.

»Das kannst du 1:1 so nehmen, wie ich es sage. Es sind alle die Gewohnheiten und Routinearbeiten, die du im Laufe eines Tages erledigst. Angefangen beim Haushalt, über deine Arbeit, die ja nach einiger Zeit auch routinemäßig abläuft, bis hin zu deiner Beziehung zu deinem Freund, zu deinen Kollegen und zu deinen Freundinnen.

Dabei helfen diese Routinen dir doppelt. Zuerst einmal helfen sie dir dabei, im Alltag Energie zu sparen. Wäre ja auch ein Wahnsinn, wenn man nach fünf Jahren immer noch so angestrengt Auto fahren würde, wie in der ersten Fahrstunde.

Zum anderen ermöglichen sie dir, deine Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu lenken. So schaffst Du es, zwei Dinge gleichzeitig tun zu können. Allerdings kommst du gedanklich auch nicht allzu weit weg von deiner Routinetätigkeit. Am ehesten noch gestatten es monotone Tätigkeiten, wie Autofahren oder Wandern, die Gedanken zu befreien.

Aber, obwohl du durch diese Routinen Energie sparst, hast du nicht mehr Energie zur Verfügung. Einerseits, weil der Körper so durchoptimiert ist, dass er sich den Tagesbedarf an Energie genau einteilt. Wo wenig Energie erforderlich ist, wird vom Körper wenig Energie zur Verfügung gestellt. Andererseits, weil du dir selbst immer Aufgaben stellst, die du bei verfügbar werdender Zeit ausführst. Die beliebtesten solcher Lückenfüller in Österreich sind das Fernsehen und die Konsumation von Alkohol im trauten Freundeskreis.

Heruntergebrochen auf einen durchschnittlichen Tag mit Mira bedeutet das, dass so ein Tag dann abends zu einer durchschnittlich müden Mira führt.«

»Ja, genau. Normalerweise, das sind vermutlich 340 Tage im Jahr, bin ich mit dem, was ein Tag bringt, ausgelastet.«

»Hast du eine Ahnung, was mit den restlichen Tagen ist?« setzte ich gleich mit einer Frage nach.

»Oh ja. Da sind 14 Vollmonde, zu denen kann ich kaum schlafen und dann sind da ja noch diese einzigartigen Abende, an denen ich in die Oper gehe. Danach bin ich meistens so aufgekratzt, dass ich mich erst mit einer Sondergabe Spritzer bereit für das Bett machen muss. Die Tage danach allerdings sind in jedem Fall furchtbar. Da bin ich dann meistens so müde, dass ich mich hinterher drüber ärgere, dass ich am Abend zuvor so spät ins Bett gegangen bin.«

»Ok, halten wir fürs Erste nur fest, dass es Tage gibt, an denen du mehr Energie als normalerweise zur Verfügung hast.

Wie schaut es eigentlich mit deinen Gedanken aus? Bist du in regem Dialog mit dir selbst?«

»Oh ja! Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen rennt bei mir im Kopf der Unterhaltungssender. Ein ständiges Hick-Hack, das ich nur in der Oper oder wenn ich zu Hause Musik höre unterbrechen kann.» Gespannt schaute Mira mich an, worauf ich denn hinaus wollte.

»Die Gedanken, die du den ganzen Tag über denkst, werden zu einem großen Teil zu den Themen deiner Routinen passen. Am Morgen, bevor du das Haus verlässt zum Beispiel: ›Ich darf nicht vergessen, die Wäsche noch aufzuhängen, bevor ich in die Arbeit fahre.‹, oder ›Jetzt noch das Mail an den Entwicklungsleiter senden, dann gehe ich in die Mittagspause.‹ und dergleichen mehr. Genauer gesagt werden sie in den meisten Fällen zum Kitt zwischen den einzelnen Routinen, wie in den vorigen beiden Beispielen, oder sie werden zu einer zweiten Welt, in die du dich flüchtest, um der aktuellen Tätigkeit zu entfliehen. Die Möglichkeiten dieser Flucht sind mannigfaltig und reichen von negativen Gedanken bis hin zu echtem Tagträumen.

Der Inhalt dieser Gedanken spiegelt deine Aufmerksamkeit wieder. Sie zeigen dir, wo dein Fokus liegt. Menschen mit hoher persönlicher Energie schaffen es, sich in ihren Bemühungen vollkommen auf das vor ihnen liegende Thema zu konzentrieren. Sie können alles andere aus ihrer Umgebung wegblenden und erzielen dadurch oft in sagenhaft kurzer Zeit erstaunliche Ergebnisse.

Menschen mit niedriger persönlicher Energie lassen sich von allen möglichen Kleinigkeiten, vor allem aber von ihren dominanten inneren Fluchtmechanismen ablenken. Sie blockieren sich innerlich selbst und lavieren durch die Zeit. Das führt oft dazu, dass die Arbeit, die sie tun, fehlerbehangen und wenig zufriedenstellend ist.«

»Aha. Das Modell gefällt mir. Das erklärt ziemlich einleuchtend, warum ich manchmal in kurzer Zeit wirklich viel mache, während ich ein anderes Mal mit meinen Agenden gar nicht von der Stelle zu kommen scheine«, ergänzte Mira meine Ausführungen mit einer persönlichen Beobachtung.

»Welche Auswirkungen hätte es auf deine Arbeit, wenn du sie dann tun könntest, wenn du wirklich dazu bereit wärst, und nicht, wenn die Arbeitszeit es dir vorschreibt? Gar nicht auszudenken. Leider ist das bei den heutigen organisatorischen Gegebenheiten noch nicht machbar. Aber ich kann dir aus persönlicher Erfahrung versichern, wenn du einmal deine produktivste Tageszeit gefunden hast und dir für diese Zeit die kniffligen Probleme des Tages zuteilst, dann wirst du erstaunliche Ergebnisse vollbringen.«

»Mhm.» Mira überlegte gerade, wann am Tag wohl ihre produktivste Zeit lag. Sie blieb jedoch unschlüssig und schüttelte schließlich den Kopf, wie um damit sagen zu wollen, dass ich mit meinen Ausführungen fortfahren sollte.

»Bevor wir uns jetzt zu weit von unserem Thema entfernen…ich redete davon, dass es notwendig ist, diese Routinen des Alltags zu unterbrechen, damit wir in dieser Zeit, in der wir dann ungebundene Energie zur Verfügung haben, neue Energiequellen anzapfen könnten.

Dabei möchte ich zuerst darauf eingehen, wie wir diese Unterbrechung herstellen können. Darf ich mit einer Frage an dich beginnen?«

»Warum nicht, leg’ los!» Mira setzte sich auf die Vorderkante ihres Stuhles, wie um damit auf körperlicher Ebene sagen zu wollen: Ich bin ganz hier, frag’ mich.

»Du hast mir erzählt, dass es dir während einer Woche deines Jahres besonders gut geht.» Ich machte eine kurze Pause, um zu sehen, wie sie reagierte.

»Richtig, das habe ich dir im Palmenhaus erzählt. Am Attersee, im Haus meiner Freundin, jedes Mal im August, da geht’s mir wirklich prächtig. Wir haben so eine Menge Spaß zusammen. Wir haben keine Verpflichtungen, essen gehen wir meistens in irgendeinem Gasthaus in der Umgebung und wir machen einfach nur das, was uns zwischendurch in den Sinn kommt.» Für einen kurzen Augenblick war Mira wieder am Attersee gewesen.

»Ja, ich würde das Urlaub nennen. Die einzige Zeit im Jahr, wo die meisten von uns ein wenig über den Tellerrand hinaus blicken können und sich selbst zu spüren beginnen, dem Leben echte Freude abgewinnen können.

Da diese Zeit so kostbar ist, verbringen wir sie auch meistens gemeinsam mit unseren Liebsten. Was ich dir jetzt aber vorschlagen will, geht etwas weiter.

Wenn du dich selbst wieder einmal intensiv wahrnehmen willst, um mehr über dich herauszufinden, dann musst du ganz alleine auf Urlaub gehen. Am besten in ein Land, wo die Sprache nicht deine Muttersprache und in deinem Fall auch nicht Deutsch ist, wo du dich nur mit Englisch oder besser noch nur mit Händen und Füßen verständlich machen kannst. Alternativ dazu könntest du auch einen Ort aufsuchen, der fernab der Zivilisation liegt, eine einsame Hütte irgendwo in den Alpen, den Anden oder im Himalaja. Es wird von deinem Tagesablauf hier und von deiner persönlichen Disposition abhängen, wofür du dich entscheiden wirst. Aber die Entscheidung sollte spontan sein und von Herzen kommen.

Wichtig dabei ist, dass du es wirklich ganz alleine machst, ohne Freund, ohne Freundin und ohne Kollegen, nur du allein!

Es genügt meistens schon ein Wochenende, besser ist jedoch eine ganze Woche, noch besser wären zehn bis vierzehn Tage.

Aber Achtung. Wenn du dich entschließt, in ein Land zu fahren, das du schon lange sehen wolltest, dann muss ich dich enttäuschen. Du sollst dort nämlich keine Sightseeingtour starten, und deinen Urlaubstag von morgens bis abends mit neuen Routinen füllen, sondern du sollst dich für diese Zeit hauptsächlich mit dir selbst beschäftigen und nur zwischendurch die Umgebung rundherum erforschen.

Es geht darum, herauszufinden, welche adäquate Beschäftigung in der Zukunft dein Leben mit Energie versorgen wird. Wenn du willst, kannst du es so sehen, wie eine Suche nach dem verlorenen Schatz in einem Indiana Jones Film, nur dass du selbst die Rolle des Harrison Ford einnimmst und zum Helden deiner Reise wirst.«

»Ich soll einen Schatz suchen gehen, in einem fremden Land, ganz alleine? Und werde ein Held, wie in einem Indiana Jones Film? Mhm.» Mira schaute mich fragend an.

»Das ist eine Metapher. Es geht darum, dass wir in unserem Alltag sehr viele Dinge tun, die uns nur Energie kosten, im Gegenzug dazu aber nur wenig oder gar keine Energie zurückgeben. Wir haben schon kurz die äußeren Anzeichen dafür angesprochen. Müdigkeit, das Endlich-wieder-Wochenende-Syndrom, keine Lust den Alltag mit Abwechslung zu beglücken, allgemeine Trägheit. Dabei gibt es Beschäftigungen, die können dich unter Strom setzen. Vielleicht erzähle ich dir kurz eine Geschichte aus meinem Leben.«

Die Skepsis war noch nicht aus Miras Augen gewichen. Als ich ihr jedoch anbot, eine Geschichte aus meinem Leben zu erzählen entspannte sich ihr Gesicht zusehends und sie wurde wieder ein wenig lockerer.

»Gegen Ende meiner Coaching-Ausbildung beschloss ich, eine Kurs bei Steve de Shazer und Insoo Kim Berg zu besuchen. Sie veranstalteten jeden Sommer zwei Seminare, eigentlich für die Zielgruppe Therapeuten, aber es waren auch etliche Unternehmensberater und Coaches anwesend. Je eine Woche davor und danach wollte ich in New York City sein und mich mir selbst widmen. Gesagt, getan. Über das Internet habe ich mir dann noch vier unterschiedliche Coaches ausgesucht und bei denen angeklopft, ob ein Treffen möglich wäre. In den Staaten ist das ungewöhnlich, da wird Coaching hauptsächlich über das Telefon ausgeliefert. Aber da ich vor Ort sein würde und darum bat, willigten alle vier ein.

Die Tage in New York City hatte ich mir so eingeteilt, dass ich nach dem Frühstück, das bei mir aus einem Kaffee Solo besteht, erst einmal auf meinem Laptop an meinen Ideen arbeitete. Wenn dann der erste Hunger kam, so gegen zehn bis zwölf, je nachdem, wann der Tag in der Früh begann, und bei diesem Lärm dort begann er immer ziemlich früh, so zwischen fünf und sechs, habe ich mich aufgemacht eine nette Snackbude zu finden. Einzige Einschränkung, sie sollte im Umkreis vom Bryant Park sein. Google hatte den kompletten Park mit Wireless-Internet-Access überflutet und so konnte ich gezielt offene Fragen recherchieren. Das Mailen habe ich eher mit großer Zurückhaltung betrieben. Eigentlich habe ich nur mit den Coaches vor Ort die genauen Eckdaten zu den Meetings festgemacht und meiner Frau einige wenige elektronische Briefchen geschrieben.«

»Hattet ihr sonst keinen Kontakt miteinander?«, fragte Mira mich ganz ungläubig.

»Nein, ich habe sie ein einziges Mal, am Ende meiner Reise angerufen. Sonst hatten wir Funkstille.«

»Ich weiß nicht, ob ich das gut fände«, schaltete Mira sich wieder ein.

»Sicher, es fällt schwer, unseren Partner gehen zu lassen. Aber können wir uns dann nicht umso mehr freuen, wenn er oder sie wieder zurück kommt? Dazu gibt es einen wunderschönen Vers aus Rainer Maria Rilkes, Requiem

Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist:
die Freiheit eines Lieben nicht vermehren
um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.
Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
einander lassen; denn dass wir uns halten,
das fallt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.

»Aber kommen wir zurück meinem Persönlichkeitsurlaub. Nach dem Bryant Park bin ich dann pro Tag eine Sehenswürdigkeit von New York City besuchen gegangen, manchmal auch gar keine. Für mich war das die New York Public Library, gleich hinter dem Bryant Park, der Central Park, die Bibliothek der Cambridge University, wo man als Nicht-Student gar nicht so einfach hineinkommt, die Brooklyn-Bridge, das Empire State Building und der Broadway. Mehr habe ich von der Stadt nicht mitbekommen.«

»Was hast du in den ganzen Bibliotheken gemacht?» fragte mich Mira.

»Das was ich immer tue, forschen. Damals beschäftigte mich das Thema Solution Focus und ich habe in New York wirklich alle Artikel, deren ich zu diesem Thema habhaft werden konnte, gefunden und kopiert, um das zu finden, was ich in meinen Dienstleistungen heute anbieten kann.

Danach war ich meistens schon sehr hungrig und habe mich in irgendeinem Schuppen mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Zurück im Hotel habe ich dann weiter an meiner Zukunft gebastelt, also nach neuen Batterien gesucht. Und bin dabei draufgekommen, dass die Batterien eigentlich nicht neu sind, sondern alte, die meine Aufmerksamkeit verloren hatten.

Für eine erste Annäherung sind übrigens die folgenden drei Fragen, die ich aus Steven Coveys Buch, Der Weg zum Wesentlichen herausgenommen habe, sehr hilfreich.«

Mit welcher deiner Fertigkeiten kannst du, wenn du sie vorzüglich und dauerhaft ausführst, maßgebliche Ergebnisse in deinem privaten Leben erzielen?

Mit welcher deiner Fertigkeiten kannst du, wenn du sie vorzüglich und dauerhaft ausführst, maßgebliche Ergebnisse in deinem Berufsleben erzielen?
Mit welcher deiner Fertigkeiten kannst du, wenn du sie vorzüglich und dauerhaft ausführst, maßgebliche Ergebnisse in deinem kreativen Leben erzielen?

»Wenn du dir selbst diese Fragen stellst, dann bitte ich dich zu berücksichtigen, dass hier steht, welche einzelne Fertigkeit das sein könnte. Und es steht auch nicht, welche Fertigkeiten dir noch fehlen. Die Frage steht nach einer Fertigkeit, die bereits da ist.«

Lebensskizzen

»Wenn du so willst, kannst du diese ganze Persönlichkeitsurlaubskiste wie eine Belohnung sehen.«

»Wofür sollte ich mich denn belohnen können?» fragte Mira sofort nach.

»Ich gehe davon aus, dass es da in deinem Leben sehr sehr vieles gibt. Nimm einmal einen durchschnittlichen Tag her. Was machst du da so?«

Ich lehnte mich zurück und wartete, womit Mira auf diese Frage kommen würde.

»Also normalerweise stehe ich recht früh auf, mach mir eine Kanne Tee, und setze mich in Ruhe mit einem weich gekochten Ei und etwas Toast zum Frühstück.«

»Das machst du jeden Morgen so?» fragte ich sofort dazwischen.

»Ja, eigentlich schon«, erwiderte Mira.

»Ok, dann haben wir schon etwas, wofür du dich belohnen kannst. Du gibst auf Deinen Körper acht, indem du am Morgen einen Tee trinkst – du schonst im Unterschied zu allen Kaffeetrinkern deine Magennerven. Und du nimmst dir wirklich Zeit für dich selbst, das Frühstück ist dir wichtig.«

Mira schaute mich mit leicht geneigtem Kopf an, »wegen so einer Kleinigkeit soll ich mich belohnen?«, und fuhr dann fort, »Danach mache ich meine Wohnung sauber, erledige noch die Post, dazu komme ich abends nach der Arbeit nicht mehr und hinterlasse die Wohnung in einem einigermaßen ordentlichen Zustand. Es gibt nichts, was ich mehr hasse, als wenn ich müde von der Arbeit nach Hause komme und da türmt sich dann der Dreck auf. Das frustriert mich.«

Ich nützte Ihre Pause, um gleich nach zusetzen, »Schon wieder etwas, wofür du dich belohnen könntest. Du weißt, dass es dir wichtig ist, eine saubere Wohnung zu haben, du weißt dass du am Abend die Kraft nicht hast, für diese Sauberkeit zu sorgen, darum machst du es in der Früh und du bist so gut organisiert, dass du deine Postwege in deinen Weg zur Arbeit integrierst.«

»Aber das sind doch alles Selbstverständlichkeiten.«

»Ja, da gebe ich dir schon recht, das sind keine großen Taten. Aber sind es nicht die vielen kleinen Mosaiksteinchen, die wir während eines Tages, und Tag für Tag erledigen, gut erledigen, so erledigen, dass sie uns entsprechen, die unsere Lebensqualität erzeugen?«

Mira hatte nun nachzudenken begonnen und ihr natürlicher heiterer Ausdruck kam zurück in ihr Gesicht. »Ja, da hast du schon recht. Ich erkenne es daran, dass Kollegen in der Firma eine andere Vorstellung von Ordnung haben. Deren Schreibtisch ist bis oben hin voll gepappt mit Unterlagen. Damit kann ich zum Beispiel überhaupt nicht.«

»Ist mir durchaus verständlich. Andererseits gibt es eben Menschen, die ein derartiges kreatives Chaos brauchen, um sich ihren Agenden widmen zu können. Denen wird vielleicht vollkommen eng um die Brust, wenn der Schreibtisch komplett aufgeräumt ist und alle Unterlagen sauber in Laden und Schränken verstaut sind. Die bekommen dann unter Umständen an solchen Tagen nichts auf die Reihe.«

»Ist irgendwie auch einleuchtend.» Mira hatte sich wieder vollkommen entspannt und ich machte weiter mit dem Programm für den Persönlichkeitsurlaub.

»Und das ist dann auch deine Hauptaufgabe, wenn du dich in diesem Urlaub befindest. Du hast frei, musst dich um nichts kümmern, als darüber nachzudenken, was du gerne tust und wie du es gerne tust. Damit werden dir deine Vorlieben recht schnell klar werden.

Am besten ist es, wenn du diese Überlegungen nicht nur in Gedanken vollziehst, sondern wenn du dich hinsetzt und beginnst diese Dinge aufzuschreiben. Zum Beispiel unter dem Titel, ‚Ein ganz normaler Tag im Leben von Mira‘.

Wenn du den hast, dann lautet die nächste Herausforderung: ‚Beschreibe einen außergewöhnlichen Tag im Leben von Mira‘.

Und wenn du das gemacht hast, dann ist dein Gehirn bereit, dir Auskunft über ‚Die schönsten drei Tage im Leben von Mira‘ zu geben. Wenn es mehr als drei Tage sind, auch gut. Schreibe sie alle auf, und sei wirklich konkret dabei. Gehe in die Tiefe, wenn du beschreibst, was das für dich bedeutet hat, zu welchen Überlegungen es dich geführt hat und was diese Tage in weiterer Folge für einen Einfluss auf deine Zukunft entwickelt haben.«

Ich machte ein kurze Pause. Miras Augen hatten zu leuchten begonnen. Diese Art der Beschäftigung, das konnte man ihr ansehen, würde ihr Freude bringen.

»Das habe ich noch nie gemacht. Ich habe einmal versucht ein Tagebuch zu schreiben, aber das habe ich nach kurzer Zeit wieder fallen lassen.«

»Ging mir genauso. Ich denke auch nicht, dass diese Form der Auseinandersetzung eine für jeden Tag ist. Dazu ist unsere Zeit heute viel zu voll mit Reizen. Aber sich eine Auszeit nehmen und das für ein paar Tage hauptinhaltlich zu machen, das ist sehr reizvoll und kann dir, wie gesagt, wahre Schätze bergen.

Aber unterschätze nicht den dafür nötigen Aufwand. Diese Arbeit nimmt einige Zeit in Anspruch. Ich selbst brauchte eine Woche, um die Höhepunkte meines bisherigen Lebens zu Papier zu bringen. Na ja, eigentlich habe ich sie ja in den Laptop hinein getippt. Das Ergebnis ist jedenfalls dasselbe.

Aber diese Zeit wird für dich von unschätzbarem Wert sein, weil du in der Formulierung und im Ausarbeiten des Textes ein vollkommen neues Gefühl dir selbst gegenüber finden wirst. Es wird dich befreien.

Schließlich gab es noch eine Frage, mit der ich mich sehr ausführlich beschäftigt habe. Sie geht ebenfalls zurück auf Steven Covey und lautet:«

Stell dir vor, du bekommst ein Million Euro zur Verfügung gestellt, geschenkt. Was würdest du augenblicklich damit anfangen?

Und da unsere Welt voll ist mit ‚Realisten‘, habe ich die Frage für diese Spezies Mensch umformuliert in, Was würdest du mit dem, was du jetzt in diesem Augenblick schon hast, am aller allerliebsten machen?

Wir hatten das Ende unserer ersten Coaching-Stunde viel zu früh erreicht. Obwohl wir die Kernpunkte des Persönlichkeitsurlaubs durch hatten, gab es noch so viele Details zu besprechen, der gesamte Marketing-Teil wartete noch und die Einbettung in unsere Mitwelt. Aber das hatte Zeit. Das Wichtigste für Mira war im Augenblick, dass sie gesehen hatte, wie sie ihren Blick auf den Alltag in eine positivere Richtung lenken konnte und sich dabei neu kennen lernen konnte.

  1. Carlos Castaneda ist vieldiskutierter Buchautor des Romans Die Reise nach Ixtlan, einem Kultbuch der späten sechziger und siebziger Jahre. Er erzählt darin von seiner Lehrzeit bei einem indianischen Schamanen in der Wüste von Sonora, Mexiko. Seine Bücher, insgesamt hat er 12 geschrieben, sind in viele Sprachen übersetzt worden und fanden weltweit große Verbreitung. In wissenschaftlichen Kreisen wird sein Werk sehr kritisch betrachtet. Einzelne Kritiker gehen sogar soweit, über akribisch gesammelte Beweise, den Inhalt seiner Bücher komplett als Humbug abzutun. Wie dem auch sei. Mich hat sein Werk fasziniert. Ich konnte sehr viel Weisheit und Energie aus der Lektüre seines Werkes schöpfen und kann jedem, der auf der Suche ist nur empfehlen, sich diesen Meilenstein der Literatur zu nähern.