Header Marketing Kochbuch

schaffen Sie Sinn, nicht Geld

Der günstigste Moment einen Baum zu pflanzen war… vor 20 Jahren. Der zweitgünstigste ist heute. Chinesisches Sprichwort

Der letzte Vortrag vor dem Mittagessen war gerade zu Ende gegangen und eine großteils nachdenkliche Menge von IT-Consultants strömte in Richtung Buffet. Die SAP Netweaver Worldtour präsentierte sich dieses Jahr zum ersten Mal auch in Wien. Und es war so vollkommen anders! Anders als alles, was man von diesem Unternehmen die Jahre zuvor gesehen hatte.

Beim Buffet dann, ich wollte mir gerade ein Brötchen schnappen, lächelte mich eine überaus attraktive Mittdreißigerin an und fragte mit zurückhaltender, klarer Stimme: »Kann es sein, dass ich Sie in irgendeiner Zeitung gesehen habe?«

Ich hatte keine Ahnung, welche Zeitung sie meinte, aber da in den letzten Monaten ein Artikel von mir und einige über das Unternehmen, in dem ich zu der Zeit arbeitete, in unterschiedlichen Medien erschienen waren, setzte ich, ihr Lächeln erwidernd, an: »Kann schon sein, welche Zeitung meinen Sie denn?«

»Ich denke, es war vor zwei Wochen oder nein, es waren doch schon drei, da habe ich am Flughafen eine alte Ausgabe von IT-Business gefunden. Muss noch eine von vor dem Sommer gewesen sein. Da fand ich eine kleine Kolumne über mobile Datenerfassung bei den Stadtwerken.«

»Oh, ja, richtig. Die meinen Sie. Haben Sie den Artikel gelesen?«

»Ja, gelesen und gestaunt, dass so etwas bei der Marktmacht von SAP heute noch möglich ist.«

»Dass was noch möglich ist?«

»An den Vorgaben einer SAP vorbei einem Kunden ein derartiges Projekt zu machen.«

»Das war auch wirklich nicht ganz einfach, denn den Einfluss von SAP haben wir als kleine Consulting ganz gehörig zu spüren bekommen.«

»Und wie ist das Projekt dann gelaufen?«

»Das ist eine längere Geschichte. Ich würde sie Ihnen sehr gerne erzählen. Es ist nur so, ich bin mit einem unserer Kunden hier und habe da so meine Verpflichtungen.«

»Diese Geschichte würde mich interessieren. Besteht die Möglichkeit, dass ich mit Ihnen Kontakt aufnehmen kann?«

»Ja, einen Moment… hier ist meine Visitenkarte. Ich heiße Michael Gerzabek. Sie können mich gerne anrufen. Wir können uns an einem neutralen Ort treffen und ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte.«

»Und hier haben Sie auch meine Visitenkarte. Ich heiße Mira Kominsky und arbeite bei der TSC.«

Ich nahm ihre Visitenkarte in Empfang und verabschiedete mich mit einem Händedruck: »Gut, dann erwarte ich einen Anruf von Ihnen.«
Mira hatte an der National Taras Shevchenko Universität in Kiew Informatik studiert. Schon kurz vor Abschluss ihres Studiums beschloss sie, von den Berufsaussichten ihrer Heimatstadt Kiew nicht besonders überwältigt, in den prosperierenden Westen zu ziehen. Sie rechnete sich hier bessere Berufschancen und ein höheres Einkommen aus. Eigentlich wollte sie weiter als nach Wien, nach Paris oder London oder überhaupt gleich in die Vereinigten Staaten. Aber für den Anfang, so erzählte sie mir bei unserem ersten Treffen, wäre Wien auch ganz gut. Vor allem erwartete sie hier einen leichteren Start, hatte sie doch schon vom Volksschulalter an in der Schule Deutsch gelernt.

Nachdem sie sich vorgestellt hatte, rückte sie ihr Interesse in den Mittelpunkt des Gesprächs.

»Aber wir haben uns nicht wegen mir getroffen. Sie wollten mir Ihre Geschichte von diesem SAP-Projekt bei den Stadtwerken erzählen«, erwiderte sie auf eine meiner weiteren Fragen nach ihren Zukunftsplänen.

»Oh, ja, natürlich, die Stadtwerke.«

Die Kellnerin war inzwischen gekommen und nahm unsere Bestellung auf. Ich hatte mir für das Treffen das Palmenhaus in der Hofburg ausgesucht. Das Landmann ist mir zu fein und im Café Museum sind am Nachmittag zu viele Studenten unterwegs. Im Palmenhaus konnte man damals zwischen tropischen Pflanzen und beruhigendem Chill-Out-Sound angenehm eine Plauderstunde halten. Die Kellner waren jung, freundlich und auf Zack.

»Es war ein großartiges Projekt«, ich lehnte mich zurück und begann mit meinen Ausführungen, »und es hatte eigentlich so begonnen, wie ein richtiges Projekt beginnen sollte. Da es sich für unser Unternehmen um ein Folgeprojekt handelte, lagen die technischen Grundlagen SAP-seitig auf dem Tisch. Alles war fix und fertig ausspezifiziert. Das Projektteam hatte sich schon im Erstprojekt formiert und wurde um drei Mann für die mobilen Clients erweitert. Wir begannen mit Eifer die technischen Einzelheiten unserer neuen Aufgabe zu recherchieren.«

Die Kellnerin brachte uns die bestellten Getränke, einen Cappuccino und einen Caffee Latte. Ich nahm einen Schluck von meinem Wasser und fuhr mit meiner Geschichte fort.

»SAP selbst war auf den mobilen Zug erst wenige Monate vor unserem Projektstart aufgesprungen. Trotzdem konnte das Walldorfer Unternehmen schon auf mehrere Referenzprojekte, großteils in den USA, hinweisen.«

»Ja, daran kann ich mich gut erinnern, ich habe selbst einmal in einer internen Nachricht von so einem Projekt eines amerikanischen Tochterunternehmens eines Kunden von uns aus Deutschland gelesen«, bestätigte Mira meine Ausführungen.

»Interessant«, ich nickte und nahm den Faden wieder auf.

»Und nach kurzen Recherchen stellte sich heraus, dass es auf technologischer Ebene bei SAP vier verschiedene Lösungswege geben würde. Vermutlich waren wir mit unserem Unternehmen im Erheben von Informationen was SAP betraf absolute Meister. Wir hatten Mitarbeiter, die haben Lösungen erarbeitet, wo selbst eine SAP den Hut davor zog. Nicht nur einmal sollen SAP-Mitarbeiter nach Bekanntwerden einer unserer Lösungen gesagt haben, dass sie sich nie gedacht hätten, was mit SAP so alles möglich ist.«

»Ich habe von Ihrem Unternehmen gehört. Der Ruf in der Branche ist wirklich sehr gut«, schaltete sich Mira wieder ein.

»Wir hatten schon bei unseren ersten Anfragen erkannt, dass das Thema seitens SAP Österreich genauestens verfolgt wurde. Die Vertriebsleute dort hielten schon nach relativ kurzer Zeit einen Weg parat, von dem sie dachten, dass er für das Projekt und den Kunden am besten passen würde. Allein, uns wollte das nicht so recht schmecken.«

Mira lachte und nickte unauffällig. Ich ging nicht auf ihre Regungen ein, sondern erzählte weiter, merkte mir aber, dass an dem eben Gesagten etwas sein musste, das in ihr Anklang gefunden hatte.

»Für uns gab es an diesem propagierten Weg zu viele Unwägbarkeiten. Befand sich doch bei SAP Österreich selbst nur ein Kunde mit dieser Technologie in einer Einführungsphase. Die Ressourcen, die SAP für das Projekt selbst abstellen wollte, ergaben einen Konflikt mit dem Termin für den Produktivstart. Und zu guter Letzt hatten wir von der Konzernzentrale in Walldorf schon einen Ausblick auf eine gänzlich andere Technologie kredenzt bekommen, die uns, nebenbei bemerkt, wesentlich zukunftssicherer und ausgereifter erschien.«

Ich machte eine Pause, nahm einen großen Schluck von meinem Cappuccino und ließ meinen Blick gewohnheitsmäßig über die im Lokal anwesenden Gäste streifen. Der Tageszeit und dem regnerischen Wetter entsprechend waren nur wenige Gäste anwesend. Entweder lasen sie Zeitung oder plauderten, wie ich, mit ihren Tischgenossinnen.

Ich war mir unschlüssig darüber, wie sehr ich ins Detail gehen sollte. An Miras Bemerkungen wollte ich ablesen, dass sie aus demselben Metier stammte. Und anscheinend hatte sie auch Erfahrung mit Software für mobile Erfassungsgeräte. Sie hörte aufmerksam zu und verfolgte neugierig jede meiner Bewegungen. Und sie hatte mir auch relativ bestimmt zu verstehen gegeben, dass sie Interesse an meiner Story hatte. Also beschloss ich, ein wenig ausführlicher weiter zu erzählen.

»Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die Wahl der technologischen Basis.«

Ich wandte mich wieder Mira zu.

»Bei all diesem Hin- und Her verloren wir gut ein halbes Jahr. Doch immerhin hatten wir danach gewissenhaft die zur Auswahl stehenden Optionen geprüft, teilweise sogar evaluiert und konnten seitens unseres Unternehmens reinen Gewissens sagen, die Entscheidung nicht auf die leichte Schulter genommen zu haben. Der Kandidat für die Implementierung war die Mobile Engine, Basis war eine Vorstufe des damals von SAP projektierten und unter Hochdruck entwickelten Netweaver.

Unser Kunde kam ins Ramp-Up, ein Projektschema, das sich SAP für seine Early-Adaptors1 zurechtgelegt hatte. Eine sehr intelligente Einrichtung, in der sowohl Kunden als auch Partner eine besondere Betreuung ihres Projektes von SAP erhalten. Das Walldorfer Unternehmen, das aus den Erfahrungen tausender hochkomplexer Projekte auf der ganzen Welt dieses Schema entwickelt hatte, wollte damit sicherstellen, dass diese Projekte auch zu einem Erfolg werden, für den Kunden gleichwohl wie für SAP.

Auf der organisatorischen Ebene sah soweit also alles gut aus. Die Probleme begannen da, wo sie normalerweise immer beginnen, bei der Arbeit am Detail. Man darf nicht vergessen, wir waren damals im Frühjahr 2003. Die ersten produktiven Projekte auf dieser Plattform in Österreich gab es erst ein volles Jahr später. Als wir uns daran machten die ersten Synchronisationsversuche zu starten, wurde mir sehr bald klar, worauf wir uns da eingelassen hatten: Es waren keine technischen Dokumentationen vorhanden, die Informationen, die aus Walldorf kamen, stammten 1:1 aus Kanada und wurden einfach weitergereicht. Der Support aus Deutschland kam daher auch zögerlich und war kaum vorhanden. Es half uns auch wenig, dass ich gemeinsam mit dem Hauptprojektleiter und Technik-Guru unseres Unternehmens nach Walldorf reiste, wo uns im 6. Stock, den Nobelgründen für Repräsentation, von zwei sehr selbstbewussten Chef-Entwicklern ausgesprochen zurückhaltend Informationen zum Thema gegeben wurde. Irgendwie war in dem ganzen Projekt ein Hund drinnen.«

Mira schaute mich gespannt an.

»Jetzt kam für mich noch ein persönliches Problem dazu. Ich war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre in dem Unternehmen tätig und wirklich jedes Mal, wenn es darum ging in den Urlaub zu gehen, war etwas so Wichtiges dazwischengekommen, dass ich entweder meinen Urlaub verschieben musste, oder im Urlaub ein bis zwei Tage arbeitete. Und just, auch diesmal war es wieder so. Mein Urlaub in Griechenland stand an. Die Flüge für die ganze Familie waren gebucht und wir hatten Ende Mai. Noch zweieinhalb Monate bis zum Produktivstart. Die Mobile Engine funktionierte nicht so, wie wir es uns gewünscht hatten. SAPs Marketing war seiner Zeit, wie immer, wieder einmal um sechs Monate voraus. Na super.«

»Was haben Sie dann gemacht?« fragte Mira augenblicklich.

»Ich habe etwas gemacht, wovon ich vorher nicht einmal geträumt hätte, es zu tun. Für mich gab es bis zu diesem Zeitpunkt immer nur Pflicht. Im Fall meiner Anstellung die Pflicht, dem Projekt zu dienen. Erst wenn alles in seiner Ordnung war, konnte ich ruhigen Gewissens meiner Wege gehen. Dabei hatte ich Kollegen, die mit ihrer Pflicht ganz anders umgingen. Jedenfalls diesmal, vermutlich auch wegen der hohen Kosten der Flüge, bin ich einfach auf Urlaub gefahren. In einem kurzen Mail zur Lage der Nation habe ich den aktuellen Stand und meine Empfehlung abgegeben, mein Handy abgestellt und bin mit meiner Familie in den Flieger gestiegen.«

»Das hat ihnen vermutlich keine Bonuspunkte bei ihren Kollegen eingebracht?« fragte Mira nach.

»Nein, hat es nicht. Aber für mich war das damals die einzige Möglichkeit, wirklich in diesen Flieger steigen zu können, denn in einem Gespräch hätte ich mich sicher weich klopfen lassen und wieder einmal meinen Urlaub verschoben oder meine Familie alleine losgeschickt.«

»Was würden sie heute tun?«

Ich lachte ruhig und zufrieden und sagte: »Ich habe mir mein Leben so eingerichtet, dass es zu so einer Situation nicht mehr kommen kann. Was mein Problem von damals noch passend ergänzte, war meine Schwäche Nein sagen zu können. Wir waren Unternehmer im Unternehmen und jeder Auftrag, der mit echtem Kundenumsatz verbunden war, war unter den Mitarbeitern höchst willkommen. Nur so konnten wir unsere Kostenstellen mit dem von allen erwünschten Bonus füllen.«

»Aha, die klassischen Anreizsysteme.«

»Jepp. Und bei uns ein System aus der Zeit des IT-Booms und für schlechte Zeiten, die auch wir ab 2001 hinzunehmen hatten, ganz und gar nicht ausgelegt.

Aber bevor ich auf ihre Frage eingehe, möchte ich noch kurz meine kleine Geschichte zu Ende erzählen.

Mein Urlaub war sehr angenehm, der erste richtige Urlaub seit Jahren. Als ich dann, schon am Rückweg am Flughafen in Saloniki meine Mobilbox abhörte, änderten sich sofort die weiteren Pläne für meine Heimreise. Nächste Station sollte das Wiener Büro sein. Und so kam es, dass ich bereits eine Stunde nachdem mein Flieger in Wien gelandet war, schon wieder bei der Arbeit saß.

In der Besprechung, die wir an diesem Tag führten, wurden die Weichen für eine Individualentwicklung gestellt. Und noch am selben Tag begannen wir damit, eine Architektur für den mobilen Client zu entwerfen.

Da nicht mehr viel Zeit bis zum Produktivstart vorhanden war, ging dann alles mehr oder weniger stringent auf diesen Termin zu. Die zwei Teams für das Backend und den Client arbeiteten immer härter. In der letzten Woche vor Produktivstart haben ein Kollege und ich einen persönlichen Maximaleinsatz geleistet. Und so gelang es uns, das Projekt mit nur wenigen Stunden Verspätung live zu schalten. Ein grober Fehler trat dann noch am darauf folgenden Tag auf, als die ersten Aufträge ins SAP-System zurück gespielt wurden. Doch auch dieser konnte noch in derselben Nacht behoben werden und so gab es für den Kunden ab Tag drei nach dem Produktivstart ein funktionierendes System.«

Ich schloss mit meinen Ausführungen und wartete Miras Reaktion ab.

»Wow, das beeindruckt mich jetzt aber. Wenn ich denke, dass sie eine technologische Lösung produktiv gesetzt hatten, mit einer Funktionalität, die SAP selbst erst zwei Jahre später im Standard angeboten hat, dann wurde ihnen sicher von allen Seiten für diese Leistung gratuliert«, würdigte Mira meine Ausführungen.

Ich lachte.

»Keineswegs! Unser gesamtes Projektteam war so in den Problemen, die dieses hektische Projekt begleiteten, vertieft, dass von Freude keine Spur zu bemerken war«, erwiderte ich und setzte gleich mit dem nach, was ein Kollege schon ein Jahr zuvor treffend auf den Punkt gebracht hatte: ›In diesem Unternehmen ist die einzige Belohnung für Deine Leistung das Geld, das du dir mit deinem Aufwand verdienst. Mehr darfst du dir hier nicht erwarten.‹«

»Eine Rotte von Alphamenschen im Goldrausch«, subsumierte Mira.

»So extrem war es wohl nicht«, beschwichtigte ich Mira: »unter uns Mitarbeitern gab es immer eine sehr starke Kollegialität. Wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel, halfen uns gegenseitig, wo es nur ging und hatten sehr viel Spaß bei und oft auch nach der Arbeit.

»Aber sie sind heute nicht mehr in diesem Unternehmen tätig?«

»Nein, nach dieser Projekterfahrung begann für mich eine lang andauernde Ablösungsphase. Ich begann, mich sukzessive vom Unternehmen zurückzuziehen.«

»Was haben sie dann gemacht? Was machen sie jetzt?«, setzte Mira nach.

»Aus der technologischen Beratung habe ich mich vollkommen zurückgezogen. Ich programmiere mir noch meine eigenen Websites und die dazugehörigen Services selbst, aber ich mache das nicht mehr für Dritte.«

Ich nahm einen Schluck von meinem Wasser und spülte mir ordentlich den Mund, von einer Backe zur anderen, wie um den Rachen frei zu bekommen, für das was ich in weiterer Folge von mir geben wollte.

»Ich hatte bis dahin schon so einiges in meinem Leben gemacht und als ich begann darüber nachzudenken, was ich mir von meiner eigenen Zukunft erwarte, waren erst einmal eine Menge lose Enden meines Lebensweges zu verweben.«

»Aha.«

»Es würde bei weitem den Rahmen sprengen, würde ich ihnen das jetzt alles erzählen. Wonach ich damals suchte war, mein Leben mit Dingen auszufüllen, die ich wirklich, wirklich2 wollte.«

Mira nickte verständnisvoll.

»Nach diesem Projekt war ich nur noch eines, nämlich unglaublich müde. All die mühsamen firmenpolitischen Verhandlungen über Themen, die dann doch wieder in Händen der Umsetzung lagen, die Berge von Problemen während der Implementierungsphase selbst, dann das anstrengende und kraftraubende go-Live-Prozedere und im Anschluss daran noch die eher abwertende Nachrede hatten mir vor Augen geführt, dass ich mich an einer Position im Rad meines Lebens befand, an dem ich mich nicht wirklich wohl fühlte. Das schlimmste daran aber war, dass mein gesamter schwer erarbeiteter Bonus nach nur zwei Monaten Urlaub, den ich mir im Anschluss an das Projekt genommen hatte, um bei meiner Familie wieder präsent zu sein, auch schon wieder vollkommen aufgebraucht war. Und unweigerlich drängte sich die Frage auf: Ist es das wirklich wert?«

»Das kann ich mir gut vorstellen. Was hat ihre Frau denn zu ihrer Arbeit gesagt?«

»Sie können sich vorstellen, dass sie überhaupt nicht erfreut darüber war. Ich war ja von Montag bis Freitag unterwegs und kam auch am Abend nicht nach Hause. Am Samstag musste ich mich dann meistens einmal von den Strapazen der Woche erholen und nicht selten bin ich am Sonntag Nachmittag schon wieder nach Wien gefahren.«

»Also das wäre für mich unvorstellbar. Wenn mein Freund so ein Leben führen würde, gäbe ich ihm über kurz oder lang den Laufpass.«

»Kann ich nach dieser Erfahrung auch sehr gut verstehen. Zu diesem Thema passend gibt es einen Aphorismus von Wolfgang J. Reus3, einem deutschen Schriftsteller: Ein Bochumer Sozialwissenschaftler fand heraus, dass Karrieremänner gerade mal zwei Minuten am Tag für ihre Kinder Zeit hätten. Das dürfte in etwa genau so viel Zeit sein, wie sie zu ihrer Zeugung gebraucht haben.«

Ich machte eine Pause und lehnte mich zurück und ließ die Gedanken an diese Zeit verfliegen.

»Sie haben mich früher gefragt, was ich jetzt beruflich mache?«

»Oh, ja. Das würde mich interessieren.«

»Ich begann etwas Neues aus meinem bestehenden Persönlichkeitskonglomerat herauszuschälen. Und dieses Neue habe ich Auftreten in der Öffentlichkeit genannt.«

»Auftreten in der Öffentlichkeit. Mhm, klingt nach Aufregung, nach Bühne, nach Spannung, nach Performance. Welchen Rahmen meinen sie damit? Betrifft es nur den Kunstraum oder auch den wirtschaftlichen?«

Da war es nun. Dieses eigenartige Phänomen, das mir immer wieder in Gesprächen mit bestimmten Menschen begegnet. Vielen Leuten fällt zu dem Begriff überhaupt nichts ein. Mira war da anders. Sie sprühte sofort von inneren Bildern und einige passten zu den Bildern, die ich mit diesem Begriff verband. Ein Gefühl von Verbundenheit ergriff mich und machte nach kurzer Zeit die beginnende Vertrautheit zwischen uns ein wenig konkreter.

»Zu Beginn meiner Veränderung fühlte ich mich allerdings noch sehr unsicher. Da war nur dieser innige Wunsch, mehr Zeit mit meiner Familie verbringen zu können, auf einem Bauernhof am Land zu wohnen und etwas zu tun, das mich wirklich erfüllte. Alles Anforderungen, die nur von sehr wenigen Menschen wirklich gelebt werden.«

»Ja, klingt so nach dem großen Traum aus der Vogue. Aber wer kann sich das schon leisten?«

»Richtig. Aber dann habe ich einen Weg gefunden, bei dem das Leisten zugunsten anderer Qualitäten in den Hintergrund tritt.«

»Das klingt interessant.«

»Freut mich«, lächelte ich Mira an, »ja, und heute sitze ich hier und behaupte, dass dieser Weg gangbar ist.«

»Und wie?« Mira war nun ganz gespannt.

»Über gezielte Entwicklung der Persönlichkeit nach innen und nach außen.«

Ich wartete einige Augenblicke lang und beobachtete dabei Mira sehr aufmerksam. Als mir der Zeitpunkt passend schien, setzte ich nach: »Ich sehe, dass wir Menschen uns, ob wir uns nun dessen bewusst sind oder nicht, ob wir es wollen oder nicht, ständig in einem Auftritt befinden… Die kleinen Auftritte haben wir in gewohnter Umgebung, zu Hause bei unserem Partner, in der Arbeit bei den Kollegen. Die großen Auftritte absolvieren wir vor dem Vorstand, dem Kunden oder gar vor einem Publikum.«

»Ok, kann man so sehen.« Mira war voll bei der Sache.

»Und mit jedem Auftritt, den wir machen, bauen wir uns ein klein wenig mehr in die Welt, die uns umgibt ein. Das kann zu unserem eigenen Vorteil sein, oder auch nicht. Mit jeder Aussage, die wir tätigen, mit jedem Wort, das unsere Lippen verlässt, mit jedem Satz, den wir unter Umständen achtlos in einem E-Mail fallen lassen, positionieren wir uns und geben gleichzeitig ein Versprechen ab.«

Mira begann sich zurückzulehnen. Das Lächeln in ihrem Gesicht nahm ein wenig ab und wich einem Anflug von ernster Introspektion. Für mich sah es so aus, als würden meine Worte sie an einem sensiblen Bereich ihrer Persönlichkeit treffen.

»Diese Versprechen wirken einerseits hinein in die Welt und tun ihr Werk dort draußen, beim Verkaufsgespräch mit dem potentiellen Kunden, beim Mitarbeiter, dem wir einen Sachverhalt erklären, beim Blumenmann, der uns ein Bouquet für unsere Liebste bindet.

Sie wirken aber auch nach innen, in unsere Persönlichkeit hinein. Sie vervollständigen uns, machen uns transparent und bestätigen uns und unsere Gedanken oder sie verwirren uns, machen unser Bild diffuser, im schlimmsten Fall reißen sie Gräben auf und sorgen für Inkonsistenz.«

Ich wartete wieder ein wenig, aber Mira schien nichts dazu sagen zu wollen. Sie war wie ein auf Aufnahme gestellter Rekorder.

»Folgen unseren Worten schließlich Taten, dann haben diese Konsequenzen, die wiederum auf die Struktur unseres Lebens rückwirken.«

Mira nickte nahezu unmerklich.

»Damit ergibt sich der Rahmen für mein Wirken mit meinem Angebot primär einmal als „Das Leben meiner Kunden“. In meinem eigenen Marketing grenze ich diesen Rahmen auf eine Zielgruppe ein, Experten und Einzelunternehmer der Dienstleistungsbranche. Sie wissen schon, warum ich nicht in große Unternehmen hineingehe, richtig?«

Mira war nun vollkommen nachdenklich geworden. Sie nickte unmerklich und ihr Blick war ganz weit nach innen gerichtet. Ich ließ ihr Zeit, das eben Gesagte zu verarbeiten. Wie oft war ich nach einschlägigen Übungen oder herausfordernder Lektüre zu einem weiten Spaziergang in die einsamen Gurktaler Alpen aufgebrochen, um mit der, für mich damals vollkommen neuartigen, emergierenden Sichtweise umgehen zu lernen. Ich bildete mir ein, ein klein wenig zu verstehen, was in Mira augenblicklich vorging. Und so nahm ich, selbst ein wenig in meine Gedanken sinkend, einen Schluck von meinem Cappuccino.

Das Gespräch mit Mira ging noch bis in die frühen Abendstunden. Nachdem ich so freizügig aus meinem Leben erzählt hatte, begann auch sie ausführlich von sich, ihrer Vergangenheit, ihren Träumen und ihrer aktuellen beruflichen Situation zu erzählen. Irgendwann fragte Sie dann von sich aus, ob es eine Möglichkeit gäbe, dass ich ihren Weg begleiten könnte. So wurde die erste Kundin meines Marketing-Coaching-Paketes, das ich damals Das Versprechen getauft hatte.

Es war einmal…

Mira war drei Jahre bevor wir uns getroffen hatten, an einem grauen Herbsttag im November nach Wien gekommen. Eine entfernt Verwandte, die in der Innenstadt alleine eine große eigene Wohnung bewohnte, half Mira bei ihrem Start in der neuen Stadt, indem sie Mira ein kaum verwendetes Zimmer dieser Wohnung zur Verfügung stellte. Mira war das nur allzu recht. Sie hatte kaum Geld in den Taschen und noch einen ziemlichen Spießrutenlauf mit den amtlichen Formalitäten vor sich. Diese erste Zeit in einer Wohnung verbringen zu können anstatt in einem unpersönlichen Hotel zu logieren, bedeutete ihr sehr viel.

Sofort als sie ihre Behördenwege abgeschlossen hatte und eine Aufenthaltsbewilligung für fünf Jahre in der Tasche hatte, begann sie damit, sich eine Stelle zu suchen. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie fündig. Bei den Vorstellungsgesprächen stellte es sich als großes Plus heraus, dass sie sich während ihres Studiums bereits einige Praxis mit unterschiedlichen ERP-Systemen4 erarbeitet hatte. Das kam bei den Unternehmen, bei denen sie vorsprach gut an. Und so hatte sie, bereits drei Wochen nachdem sie in Wien angekommen war, eine Stelle in einem großen, international tätigen Beratungsunternehmen bekommen.

Die Arbeit dort war sehr interessant. Alles war neu und herausfordernd. Da viele Kunden den Konzernsitz in Deutschland hatten, brachte ihr Job bald eine rege Reisetätigkeit mit sich. Diese wurde noch ergänzt durch die vielen Weiterbildungen, die man von ihr seitens des Unternehmens erwartete. Und auch die fanden in den unterschiedlichsten Ecken Europas statt.

Gleich nachdem sie ihr erstes Gehalt auf ihrem Konto hatte, mietete sie sich eine eigene Wohnung. Voll Freude, in einem Gefühl neu gewonnener Freiheit lebte sie ihre Zeit in Dankbarkeit und harter Arbeit. Es störte sie nicht, dass sie immer mehr zu tun hatte. Im Gegenteil. Sie freute sich darüber, gebraucht zu werden. Und da sie auch noch keinen Freund gefunden hatte, war es für sie kein Problem, in kritischen Projektphasen bis tief in die Nacht und am Wochenende zu arbeiten.

Zwei Dinge aber gab es, die sie wirklich nervten. Als Frau hatte sie in Projektmeetings ständig damit zu kämpfen, dass ihre männlichen Kollegen sie nicht für voll nahmen. Zwar wurde sie immer zu den Treffen eingeladen. Mann wollte, dass sie dabei war. Wenn es aber dann im Gespräch um Problembeschreibungen oder mögliche Lösungswege ging, wurde sie einfach nicht gehört. Direkt damit verbunden war dann ihre zweites, weitaus größeres Problem. Sehr oft wurde in solchen Gesprächen darüber entschieden, wie etwas weiter geschehen sollte. Das hatte sie nun überhaupt nicht gerne.

War es schon genug, nicht für voll genommen zu werden, so passte es ihr ganz und gar nicht in den Kram, dass ihr vorgeschrieben wurde, wie sie ihre Arbeit zu erledigen hatte. In ihren Augen waren den Projektmanagern die technischen Gegebenheiten in den seltensten Fällen so geläufig, dass sie eine fundierte technische Entscheidung hätten treffen können. Und so kam es ihr geradezu wie ein Hohn vor, dass diese Herren auf dem grünen Tisch dennoch darüber entschieden, wie die Lösungen für die jeweiligen konkreten Umstände auszusehen hatten. Das noch umso mehr, als sie schon in den ersten Projekten unter Beweis gestellt hatte, dass sie zeitgemäße, funktionierende Lösungen für die gestellten Aufgaben liefern konnte.

Sie begann auch langsam vermehrt wahrzunehmen, dass viele Kollegen, die schon länger im Betrieb tätig waren, das Unternehmen gar nicht so sehr lobten, wie sie das in ihren Ausführungen immer machte. Es hagelte geradezu Kritik und beim obligaten Kaffeeplausch in der Küche hatte die Suderei gegenüber den konstruktiven Gesprächen die Oberhand. Freilich schien das in der Management-Etage niemand mitzubekommen. Oder man wusste davon, scherte sich aber nicht darum.

Schließlich wurde das Unternehmen mit dem Branchenprimus fusioniert. Mira war schon zwei Jahre im Unternehmen tätig und hatte sich eine einigermaßen dicke Haut wachsen lassen. Sie brachte so rasch nichts mehr aus der Ruhe. Allerdings brachte sie sich auch nicht mehr so eifrig in Gesprächen ein, wie sie das am Anfang ihrer ‚Karriere‘ in dem Unternehmen getan hatte. Um nicht abzustumpfen hatte sie sich vorgenommen, so wenig Zeit wie möglich in der Kaffeeküche zu verbringen, was ihr auch gut gelang. Mit ihrem Einkommen war sie im Großen und Ganzen zufrieden, wenngleich sie auch froh über eine Gehaltserhöhung gewesen wäre. Doch wozu Energie aufwenden, wenn der Tag ohnehin alles nahm, was sie zu geben hatte.

Nach einem weiteren Jahr, inzwischen in einem vollkommen neuen Bürogebäude, einem hässlichen Containerkomplex mit unangenehm lauten Großraumbürozellen, brachte sie, wieder einmal, ein Detail dermaßen aus der Fassung, dass sie ihre Beherrschung verlor und innerlich ausbrechend das Weite suchte. Als sie im Nachhinein sah, wegen welcher Kleinigkeit sie so in Rage geraten war, war sie für einen Augenblick selbst überrascht. Immerhin hatte sie in letzter Zeit auch von ihrem Freund, mit dem sie inzwischen gemeinsam in ihrer Wohnung wohnte, gehört, dass sie sehr angespannt sei und oft wegen jeder Kleinigkeit ausbrach. Allerdings hatte sie seine Ausführungen immer für autoritäre Erziehungsversuche gehalten. So etwas wollte sie sich nicht bieten lassen und hatte ihn immer forsch in seine Grenzen verwiesen.

In diesem kurzen Augenblick des Lichts entschied sie, dass sich irgendetwas ändern musste. Sie wusste zwar noch nicht was, aber das würde sich noch finden. So konnte es jedenfalls nicht weitergehen. Sie kannte sich selbst nicht wieder.

Sie nahm sich vor, die nächste Schulung einmal nicht so sehr zum Wissenserwerb zu nutzen, sondern sich etwas mehr um sich selbst zu kümmern. Gesagt, getan. Als es wieder einmal so weit war, reservierte sie nicht ihr Standardhotel gleich neben dem Schulungszentrum in Walldorf, sondern ließ sich ein Hotel am Hauptplatz von Heidelberg buchen. Zwar hatte sie da jeden Tag 30 Kilometer mit dem Mietauto zu fahren, um zur Schulung zu kommen, dafür würde sie aber in der freien Zeit ein wenig Muse in einer sehr schönen historischen Altstadt finden, konnte in den jahrhundertealten Wirtshäusern einkehren oder das Schloss erwandern und einen Ausblick über die Stadt erhaschen.

In einer der unzähligen Buchhandlungen dort fiel ihr ein Buch über Coaching in die Hand. Und was sie darin zu lesen begann, machte sie bereit für eine erste Veränderung.

  1. Early-Adaptors sind Menschen, die sehr früh in eine neue Technologie einsteigen. Der Begriff stammt aus einer Typologie, die Geoffrey Moore in seinem Buch, Crossing the Chasm, das die Vermarktung von High-Tech Produkten behandelt, aufgestellt hat. Er unterscheidet darin fünf verschiedene Stadien, wie Technologie von der breiten Masse adaptiert wird. Für jedes Stadium gibt es einen bestimmten Menschentypen, der das jeweilige Stadium repräsentiert. Die Typen: Innovators, Early Adaptors, Early Majority, Late Majority, Tradionalists.

  2. Frithjof Bergmann hat in den 80er Jahren, als durch die rasante Automatisierung in der Automobilbranche die Arbeitslosigkeit in Produktionshochburgen wie Flint, Michigan USA, dramatisch anstieg, einige sehr interessante Projekte zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit geschaffen. Seiner Meinung nach sind viele Menschen unfähig, Ihre Wünsche zu äußern und eigene Projekte zu realisieren. Menschen klammern sich an Jobs, die nicht nur den Lebensunterhalt, sondern auch den Platz in der Gesellschaft sichern — selbst dann, wenn sie unbefriedigend sind. Er pocht darauf, sich zu fragen, was jemand „wirklich, wirklich“ tun will, macht in der Darstellung seiner Projekte Mut, sich selbst auf den Weg zu machen und entwickelt in seinem Manifest Neue Arbeit, neue Kultur Gedanken darüber, wie das Ende der Lohnarbeit aussehen könnte.

  3. Wolfgang J. Reus, (1959 - 2006), ist deutscher Journalist, Satiriker, Aphoristiker und Lyriker. Einige seiner geistigen Ergüsse finden Sie online unter aphorismen.de.

  4. Unter einem ERP-System, die Abkürzung steht für Enterprise Resource Planning System, versteht man ein Softwarepaket, mit dem Sie Anwendungen, die Ihre Unternehmensprozesse unterstützen, in Software abbilden können. Stellvertretend für die Fülle der Angebote seien hier nur die Buchhaltung und die Lohnverrechnung genannt. Die Firma SAP aus Walldorf hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zur weltweiten Nummer Eins am ERP für mittlere und große Unternehmen entwickeln können.