Im Zentrum stehen Fragmente aus der Liebeslyrik Torquato Tassos. Das lyrische Ich spricht von einer Liebe, die keinen Anspruch stellt:
Io v’amo sol perché voi siete bella
Non ch’io speri da voi, dolce mio bene
Per voi sospiri, per voi sospiri
Ich liebe dich, einfach weil du schön bist.
Nicht, dass ich etwas von dir erhoffte, mein süßes Lieb.
Nach dir sehne ich mich, nach dir seufze ich.
Das Italienische trägt noch den höfischen Ton seiner Zeit. Voi bezeichnet hier nicht mehrere Menschen, sondern eine einzelne Geliebte. Das verrät schon bella, feminin, Singular. Im Deutschen darf daraus deshalb ein unmittelbares „du“ werden. Es verliert damit etwas von Tassos höfischer Distanz, gewinnt aber jene Intimität, die Bardo State musikalisch daraus macht.
Schon bei Tasso ist diese Liebe keine glückliche. Der vollständige historische Text geht weiter, als es Sospiro tut. Das lyrische Ich weiß, dass es von der Geliebten nichts zu erwarten hat als Leiden. Gerade diese explizite Konsequenz übernimmt Bardo State jedoch nicht. Die Musik lässt Tassos Schmerz unausgesprochen. Sie behält Liebe, Hoffnungslosigkeit und Seufzer und setzt ihnen einen eigenen Gedanken entgegen, Cor ristaura.
Diese beiden Worte sind der Schlüssel zum Stück.
Wörtlich bewegen sie sich im Bedeutungsraum von Herz, Wiederherstellung, Erneuerung, neuer Kraft. Doch Sospiro behandelt Cor ristaura nicht wie eine weitere Zeile des Gedichts. Die Worte werden aus der lyrischen Erzählung herausgehoben. Nicht die Solostimme singt sie weiter. Ein Chor antwortet a cappella.
Damit wechselt die Perspektive.
Die Stimme erlebt.
Der Chor deutet.
Man kann diesen Chor beinahe wie den Chor der griechischen Tragödie verstehen. Er gehört zum Geschehen und steht gleichzeitig außerhalb davon. Er beobachtet das lyrische Ich, kennt die Gefahr seiner Sehnsucht und richtet seine Worte zugleich über die handelnde Figur hinweg an den Zuhörer.
Und weil sich die Musik über drei Strophen verändert, verändert sich auch die Bedeutung desselben Cor ristaura.
Erste Strophe
Am Anfang steht eine einzelne Frauenstimme.
Unter ihr liegt eine minimale synthetische Fläche, ätherisch und beinahe zeitlos. Sie begleitet nicht im traditionellen Sinn. Es gibt keinen musikalischen Apparat, der die Sängerin trägt oder ihr eine Richtung vorgibt. Stimme und Fläche scheinen vielmehr in einem gemeinsamen Raum zu schweben.
Darin erklingen Tassos Worte.Ich liebe dich, einfach weil du schön bist.
Nicht, dass ich etwas von dir erhoffte, mein süßes Lieb.
Nach dir sehne ich mich, nach dir seufze ich.
Das ist zunächst ein vollkommen individuelles Bekenntnis. Ein Mensch ist seiner Sehnsucht ausgeliefert und weiß gleichzeitig, dass aus ihr keine Erfüllung folgen kann.
Dann geschieht musikalisch etwas Unerwartetes.
Die schwebende Welt wird unterbrochen. An die Stelle von Solostimme und Fläche tritt der Chor, unvermittelt und a cappella: Cor ristaura.Hüte dich, Herz!
In dieser ersten Strophe könnte seine Bedeutung „Hüte dich, Herz.“ lauten.
Das ist keine wörtliche Übersetzung. Es ist die Interpretation, welche die Musik den Worten gibt.
Der Chor widerspricht der Solistin nicht. Er sagt ihr nicht, sie solle aufhören zu lieben. Aber er sieht etwas, das das lyrische Ich in seinem Sehnen nicht sehen kann. Tassos ursprüngliches Gedicht kennt bereits das pene, das Leiden, das aus dieser Liebe entstehen wird.
So bekommt der erste Choreinsatz etwas Warnendes.
Liebe, aber verliere dich nicht darin.
Danach folgt keine sprachliche Antwort. Stattdessen öffnet sich die Musik in einen rein instrumentalen Abschnitt.
Das ist wesentlich. Die Musik erklärt Cor ristaura nicht. Sie lässt den Gedanken wirken und führt ihn über die Sprache hinaus. Die erste Strophe endet nicht mit einer Antwort, sondern mit einem Raum.
Zweite Strophe
Beim zweiten Durchgang ist die Welt nicht mehr dieselbe.
Aus der einzelnen Frauenstimme ist Zweistimmigkeit geworden. Eine zweite weibliche Stimme tritt hinzu. Was zuvor eine einsame Linie war, bekommt ein Gegenüber. Die Stimmen bewegen sich miteinander, nebeneinander und gegeneinander; die musikalische Struktur wird kontrapunktischer.
Damit verändert sich auch Tassos Text.
Die Worte sind dieselben, aber sie gehören nicht mehr ausschließlich einem einsamen lyrischen Ich. Die Sehnsucht ist in Beziehung getreten. Eine Stimme wird von einer anderen gespiegelt, beantwortet oder weitergeführt.
Und wieder kommt die Zäsur.
Wieder fällt die instrumentale Welt fort.
Wieder Cor ristaura.Herz, finde wieder Kraft!
Doch dieselben Worte können jetzt etwas anderes bedeuten, „Herz, finde wieder Kraft.“
Die erste Mahnung hat sich verändert.
Das Herz ist durch die Erfahrung hindurchgegangen. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, sich vor der zerstörerischen Seite der Sehnsucht zu schützen. Es geht um Wiederherstellung.
Gerade hier trifft „finde wieder Kraft“ einen wichtigen Teil von ristaurare: etwas Geschwächtes wieder aufzurichten, etwas Beschädigtes wiederherzustellen.
Wieder folgt die instrumentale Öffnung.
Man könnte sie diesmal tatsächlich als beginnende Erlösung hören. Aber die Musik behauptet nicht, „Das Herz ist wiederhergestellt.“ Der Imperativ lässt die Bewegung offen: „Finde wieder Kraft.“
Ob dies gelingt?
Dritte Strophe
In der dritten Strophe vollzieht die Musik ihren entscheidenden Schritt.
Nun sind Frauen- und Männerstimmen zu hören. Die kontrapunktische Figur ist nicht mehr an eine einzelne Stimme und auch nicht mehr ausschließlich an weibliche Stimmen gebunden. Das Persönliche beginnt sich ins Allgemeine aufzulösen.
Was am Anfang das Bekenntnis einer einzelnen Person war, ist jetzt zu einer menschlichen Erfahrung geworden.
Und damit verändert sich ein letztes Mal die Bedeutung von Cor ristauraHerz, werde neu!: „Herz, werde neu.“
Nicht mehr „Hüte dich.“
Nicht mehr „Erhole dich von dem, was dir widerfahren ist.“
Sondern „Lass dich durch diese Erfahrung verwandeln.“
Das ist mehr als Reparatur. Das Herz soll nicht einfach in seinen Zustand vor der Sehnsucht zurückkehren. Es soll aus ihr als etwas Neues hervorgehen.
Damit lässt sich die Entwicklung des gesamten Stückes in drei Sätzen lesen.
Hüte dich, Herz.
Herz, finde wieder Kraft.
Herz, werde neu.
Warnung.
Wiederherstellung.
Verwandlung.
Zwei musikalische Welten
Die eigentliche Raffinesse von Sospiro liegt dabei vielleicht in der Gegenüberstellung zweier vollkommen verschiedener musikalischer Räume.
Auf der einen Seite stehen die Tasso-Fragmente. Sie entfalten sich linear. Erst einstimmig, dann zweistimmig, schließlich mit weiblichen und männlichen Stimmen. Die Linien bewegen sich, begegnen einander und entwickeln zunehmend kontrapunktische Eigenständigkeit.
Auf der anderen Seite steht Cor ristaura.
Es entwickelt sich gerade nicht mit.
An den dramaturgischen Höhepunkten setzt die Komposition nicht noch mehr Instrumente, Stimmen oder Klangflächen ein. Sie tut das Gegenteil. Die zuvor aufgebaute musikalische Welt wird weggenommen.
Der Chor steht a cappella im Raum.
Gerade dieser Bruch macht ihn glaubwürdig. Cor ristaura gehört nicht derselben Erzählebene an wie Io v’amo und per voi sospiri. Deshalb muss es auch deren musikalischer Logik nicht folgen.
Die Sehnsucht bewegt sich horizontal in den Stimmen.
Der Chor tritt vertikal in diese Bewegung ein.
Er unterbricht nicht nur die Musik. Er unterbricht den Gedanken.
Der Seufzer
Damit bekommt schließlich auch der Titel seine volle Bedeutung.
Sospiro heißt Seufzer.
Der Seufzer liegt eigentümlich zwischen Körper und Sprache. Wir entscheiden uns nicht unbedingt zu seufzen. Es geschieht, wenn ein Gefühl größer geworden ist als das, was sich noch sagen lässt.
Tasso schreibt per voi sospiri.
Ich seufze nach dir.
Bardo State macht aus diesem Seufzer die Grundbewegung des gesamten Stückes. Die Sehnsucht beginnt in einem einzelnen Menschen, vervielfacht sich in den Stimmen und wird schließlich zu einer Erfahrung, die Frauen und Männer gemeinsam tragen.
Dazwischen steht dreimal derselbe Chor.
Aber er sagt dreimal etwas anderes.
Beim ersten Mal hört er die Gefahr und mahnt, „Hüte dich, Herz.“
Beim zweiten Mal kennt er die Verletzung und ermutigt, „Herz, finde wieder Kraft.“
Beim dritten Mal erkennt er die Möglichkeit zur Versöhnung, die in ihr liegt, und ruft, „Herz, werde neu!“
Und nach diesem letzten Cor ristaura braucht die Musik keine weitere Erklärung mehr.
Tassos lyrisches Ich begann mit einer paradoxen Liebe: Ich liebe dich, obwohl ich nichts von dir erwarten kann. Der Renaissance-Dichter führt diesen Gedanken zum Leiden.
Sospiro nimmt einen anderen Weg.
Es leugnet den Schmerz nicht. Aber es lässt ihn auch nicht das letzte Wort behalten. Aus dem einsamen Seufzer entsteht Mehrstimmigkeit; aus der Mehrstimmigkeit Gemeinschaft; und über allem steht die immer wiederkehrende Aufforderung an das Herz, an dieser Erfahrung nicht zugrunde zu gehen, sondern sich durch sie zu verändern.
Vielleicht lässt sich deshalb die ganze Komposition auf ihre beiden äußersten Aussagen reduzieren.
Am Anfang, „Ich liebe dich.“
Am Ende, „Herz, werde neu.“
Dazwischen liegt ein Seufzer.